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"Perspektiven erhalten"

Außenminister Frank-Walter Steinmeier über die Philipp Schwartz-Initiative . Erschienen in der Ausgabe 106/2016 der Publikation Humboldt Kosmos der Alexander von Humboldt Stiftung.
 
www.humboldt-foundation.de

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Ob der bereits im sechsten Jahr tobende Bürgerkrieg in Syrien, der bis nach Europa getragene IS-Terror oder die anhaltende Destabilisierung der Ostukraine – die vielen Krisen und Konflikte in einer Welt ohne überwölbende Ordnung überschlagen sich geradezu.

Aktuell sind mehr als 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, so viele wie seit dem Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr. Sie suchen Schutz vor Krieg und Gewalt, viele von ihnen auch vor persönlicher Bedrohung und Repression. Das gilt insbesondere für Wissenschaftler, Studenten und Intellektuelle, die mit ihrer akademischen Arbeit in ihrer jeweiligen Heimat oftmals mutig Missstände anprangern und gerade deshalb zur besonderen Zielscheibe staatlicher Gewalt und Unterdrückung werden. Umso wichtiger ist es, diesen Menschen eine Perspektive auch jenseits ihres Herkunftslands zu erhalten.

Mit der Philipp Schwartz-Initiative ermöglichen wir verfolgten Wissenschaftlern, frei von Bedrohung weiter zu forschen, um später in der jeweiligen Heimat wieder Verantwortung für eine bessere Zukunft übernehmen zu können. Gemeinsam mit der Alexander von Humboldt- Stiftung haben wir damit ein sichtbares Zeichen gesetzt, dass der Schutz verfolgter Wissenschaftler in einer konfliktbeladenen Welt eine Aufgabe von Dauer ist, der wir gezielt mit den Mitteln der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik nachkommen. Deutschland trifft hier vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte eine besondere Verantwortung, der wir uns stellen. Der Namensgeber der Initiative, der jüdische Pathologe Philipp Schwartz, musste in den 1930er-Jahren selbst fliehen: vor den Nationalsozialisten, aus Deutschland. Weil er Jude war. Er gründete im Exil die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland. Dank dieses Engagements fanden Hunderte von Wissenschaftlern eine Anstellung im Ausland. Es ist deshalb nur richtig, wenn wir es heute sind, die verfolgten Wissenschaftlern helfen.

Wie wichtig diese Initiative ist, erschließt sich umso mehr, wenn man von den bewegenden persönlichen Schicksalen der Stipendiaten hört – besonders derjenigen, die wie der syrische Geografieprofessor Hussein Almohamad aus Aleppo ihre Forschungsarbeit unter schwersten Bedingungen durchführen mussten und nur knapp Tod und Zerstörung entrinnen konnten.

Es freut mich daher sehr, dass im Juli 2016 die ersten 23 Forscherinnen und Forscher ein Stipendium für eine Tätigkeit an deutschen Hochschulen erhalten haben und Anfang 2017 voraussichtlich mehr als 40 weitere gefährdete Wissenschaftler zu einem Forschungsaufenthalt nach Deutschland kommen werden.

Das darin liegende Potenzial ist für beide Seiten, Stipendiaten wie Hochschulen, enorm. Wenn ein Archäologe aus Damaskus oder eine Sozialwissenschaftlerin aus Düzce an ihren Gastinstitutionen forschen und lehren, tragen sie mit ihren persönlichen Erfahrungen dazu bei, unseren eigenen Blick zu weiten und ein Bewusstsein für die Situation von geflüchteten und bedrohten Wissenschaftlern zu entwickeln.

Gleichzeitig bietet die Philipp Schwartz-Initiative den Stipendiaten die Chance zur Vernetzung, sowohl untereinander wie auch international, um nach Rückkehr in ihre jeweilige Heimat erneut Verantwortung zu übernehmen. Hussein Almohamad ist ein gutes Beispiel: Seine Gastuniversität in Gießen veranstaltete im Frühjahr 2016 eine Konferenz zu Syrien – er selbst ist inzwischen ein zentraler Ansprechpartner für das hieraus hervorgegangene Netzwerk syrischer Geografen, die sich mit Wiederaufbauplänen für ein Nachkriegssyrien befassen. Auch Professor Abdulrahman, ehemals Direktor des Departments für Archäologie der Universität Damaskus, der zwei Jahre an der Universität Tübingen forschen und lehren wird, hofft darauf, später beim Aufbau der von ISMilizen zerstörten Kulturgüter seiner Heimat helfen zu können.

Die Philipp Schwartz-Initiative ist nur ein Baustein von mehreren in unserer kultur- und bildungspolitischen Krisenarbeit. Sie steht gleichwohl exemplarisch für die Freiheit der Wissenschaft, den Schutz kultureller Identität, für wissenschaftliche Vernetzung und nicht zuletzt für gelebte Humanität. Deshalb ist die Philipp Schwartz-Initiative ein unverzichtbarer Beitrag, um gefährdeten Wissenschaftlern – und damit auch ihren Heimatländern – eine Perspektive zu erhalten.

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