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"Es bringt nichts, in ständiger Angst zu leben"

Am 13.11.2015 erschütterten Terroranschläge Frankreich und ganz Europa. Außenminister Frank-Walter Steinmeier erlebte die Anschläge im Stade de France in Paris und spricht nun, ein Jahr später, mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) über die Auswirkungen der schrecklichen Attacken. Erstmals veröffentlicht am 02.11.2016.

dpa: Sie waren vor einem Jahr am Tag der Pariser Anschläge im Stade de France, saßen neben dem französischen Präsidenten Francois Hollande auf der Ehrentribüne. Haben Sie sofort an Terror gedacht, als Sie die Explosionen gehört haben?

Steinmeier: Als es Mitte der ersten Halbzeit diese beiden richtig lauten Schläge gab, ging es mir zunächst wie allen anderen im Stadion: Ich hatte keine Vorstellung, was wirklich passiert war. Zuerst dachte ich an Feuerwerkskörper von unverantwortlichen Fans.

Wann und wie haben Sie von den Anschlägen erfahren?

Etwa eine Viertelstunde vor der Halbzeitpause kam ein französischer Sicherheitsbeamter zu Präsident Hollande und ließ uns wissen, dass es wohl vor dem Stadion mehr als eine Explosion gegeben habe. Ein paar Minuten später kam der Sicherheitsbeamte wieder zu uns und berichtete von Toten. Das war ein Schock. Natürlich haben wir uns gefragt: Müssen wir das Spiel nicht abbrechen? Aber nach Beratungen in der Halbzeitpause wurde entschieden, das Spiel laufen zu lassen, um keine Panik auszulösen. Präsident Hollande verließ das Stadion, um den Krisenstab der französischen Regierung zu leiten. Wir wurden gebeten, wieder auf die Ehrentribüne zurückzukehren, damit die Zuschauer sich keine Sorgen machen würden. Ich saß dann auf der Tribüne und mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf, ganz bestimmt nicht über Fußball. Es war ein schreckliches Gefühl, auch weil immer mehr Informationen eintrafen über die anderen Anschläge in der Stadt. Trotzdem war es wichtig, ruhig zu bleiben, um keine Hysterie auszulösen.

Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

Nein, aber klar habe ich mir große Sorgen gemacht – um die Leute im Stadion und in der Stadt. Meine größte Befürchtung war, dass sich die Anschläge im Stadion herumsprechen und im Stadion Panik ausbricht. Die französische Polizei hat aber einen großartigen Job in der schwierigen Situation gemacht. Es ist ihr Verdienst, dass das Stadion nach dem Ende des Spiels ohne Tote und Verletzte geräumt werden konnte.

Damals war von einem 11. September 2001 für Europa die Rede. Würden Sie das mit dem Abstand von einem Jahr heute auch so sehen?

Solche schrecklichen Ereignisse lassen sich nicht vergleichen. Klar ist: Diese Anschläge waren ein Angriff auf Europa insgesamt, unsere Lebensart, unsere Kultur, unsere Werte. Dieses Gefühl hatten wahrscheinlich auch die Amerikaner nach dem 11. September.

Es gab ja auch vorher schlimme Terrorattacken in Europa: London, Madrid, Charlie Hebdo. Warum war der Schock von Paris noch größer als bei den vorherigen Attacken?

Auch die anderen Terrorattacken, jeder einzelne waren ein Schock. Die Anschläge vom 13. November schienen besonders kalt koordiniert und skrupellos durchgezogen. Man musste das Gefühl haben, dass die Terrorbande ISIS jetzt im Herzen Europas angekommen war. Vergessen Sie nicht: Wir waren seit Sommer 2014 Zeugen des Vormarschs von ISIS im Irak und dann in Syrien geworden. Die ungeheuerliche Brutalität dieser Terrorbande hat größtes Leid über die Menschen in diesen beiden Ländern gebracht und das war nun auch zu uns nach Europa gekommen.

Die Bundesregierung hat ähnlich reagiert wie nach 9/11: Uneingeschränkte Solidarität – damals mit den USA, diesmal mit Frankreich. Anfang 2002 wurde die Bundeswehr nach Afghanistan geschickt, vor einem Jahr stieg sie als Reaktion auf die Pariser Anschläge in den Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak ein. Wäre diese Entscheidung auch ohne die Pariser Anschläge irgendwann gefallen?

Am 13. November wurde nicht nur Paris getroffen, sondern ganz Europa, auch Deutschland, auch wir. Unsere Solidarität mit Frankreich stand in dieser schweren Stunde nie in Zweifel. Ich habe das noch auf dem Flug von Paris nach Wien – gleich nach dem Spiel auf dem Weg zur dortigen Syrien-Konferenz – spontan getwittert. Aber auch schon vor diesem Anschlag war allen bewusst, dass sich ISIS nicht ohne militärische Mittel besiegen lässt. Die internationale Gemeinschaft hatte sich bereits im Herbst 2014 am Rande der UNO-Vollversammlung zur Anti-ISIS-Koalition zusammengeschlossen. Und wir hatten schon zuvor, im August 2014, die schwierige Entscheidung getroffen, neben humanitärer Hilfe auch militärische Ausstattung und Ausbildung für die Peschmerga zu leisten. Das war und das ist auch aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung. Aber natürlich, der Terrorismus wird allein militärisch nicht zu besiegen sein. Was wir brauchen, sind Perspektiven für die Menschen und Stabilität im Mittleren Osten.

Es hat in diesem Jahr bereits zwei Terroranschläge in Deutschland gegeben. Einer von der Dimension der Pariser Anschläge ist verhindert worden. Ist die Terrorgefahr in Deutschland zur Normalität geworden?

Wir leben in Deutschland nicht auf einer Insel der Glückseligen. Terror ist eine internationale Bedrohung, diese Gefahr betrifft auch uns. Absolute Sicherheit gibt es nicht, aber unsere Sicherheitsbehörden tun alles, um die Gefahr von Anschlägen zu minimieren. Die verhinderten, aber auch die nicht verhinderten Anschläge haben gezeigt: Wir brauchen eine enge Kooperation unserer europäischen Sicherheitsbehörden. Das bringen wir weiter voran.

Die Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland sind im Vergleich zu Frankreich und Belgien noch moderat. Die Regierungen in Paris und Brüssel haben kein Problem damit, Flughäfen und Touristenattraktionen von schwer bewaffneten Soldaten schützen zu lassen. Wird das in Deutschland nach einem großen Terroranschlag auch so kommen?

Auch bei uns sind die Sicherheitsbehörden sehr wachsam. Aber wir werden uns von hinterhältigen Mördern nicht unseren "way of life" kaputt machen lassen. Wir müssen Gefahren und Risiken realistisch einschätzen, aber es bringt nichts, in ständiger Angst zu leben. Wir tun alles, um unseren Sicherheitsbehörden die richtigen Instrumente an die Hand zu geben, um Terroranschläge so gut es geht zu verhindern.

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