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"Gelegenheit, um innezuhalten" (Interview)

Im Interview mit der Bild blickt Außenminister Steinmeier an seinem 60. Geburtstag zurück auf seine bisherige Tätigkeit als Außenminister und äußert sich zur Lage im Nahen Osten. Erschienen am 05.01.2016.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Minister…

Steinmeier: Ganz herzlichen Dank – auch wenn ich zugeben muss, dass ich noch etwas ungläubig bis unwillig auf den sechzigsten Jahresring schaue.

Was wünschen Sie sich fürs neue Lebensjahr?

Steinmeier: Also, ein paar Feuerwehreinsätze in den Krisenregionen der Welt weniger - das wäre schön. Aber so, wie das Jahr schon wieder beginnt, scheint daraus nichts zu werden. Also wünsche ich mir für die Außenpolitik, dass die erreichten Erfolge bei der Entschärfung von Krisen – wie in der Ukraine oder beim Atomkonflikt mit dem Iran – bleiben und nicht durch neue Konflikte in Frage gestellt werden.

Ist Ihnen überhaupt nach Feiern zumute?

Steinmeier: Nach ausgelassenen Feierlichkeiten sicher nicht – gerade mit Blick auf neue Eskalationen im Verhältnis von Saudi-Arabien und Iran, die alle unsere Bemühungen der letzten Wochen um Syrien wieder zunichte machen könnten. Aber so ein runder Geburtstag ist ja auch Gelegenheit, um innezuhalten und zurückzuschauen: Auf die Herausforderungen in 17 Jahren seit 1998 in der Bundespolitik: als Kanzleramtschef, als Außenminister, als Oppositionschef und jetzt wieder als Außenminister. Und ich denke an die wirtschaftlich schwierigen Zeiten um die Jahrhundertwende, den Streit um die Agenda 2010, 9/11, den Irak-Krieg, die Iran-Verhandlungen, Israel-Palästina, Afghanistan, Syrien, Libyen und die Flüchtlingskrise. So anstrengend und belastet es an manchen Tagen sein kann: Ich bin dankbar, dass ich solchen Zeiten für unser Land Verantwortung als Außenminister tragen darf.

Sie sind demnächst der dienstälteste deutsche Außenminister, nach Hans-Dietrich Genscher. Wollen Sie den auch noch überholen?

Steinmeier: Hans-Dietrich Genscher hat die Latte mit 18 Jahren schon sehr hoch gelegt. Unter den veränderten Bedingungen heute wird ihn wohl auch keiner mehr erreichen Deshalb meine Prognose: Den Rekord wird Hans-Dietrich Genscher behalten – auf ewig! Gestern haben wir übrigens erst wieder miteinander telefoniert.

Mal im Ernst: Ein Leben im Flugzeug. Auf verschiedenen Kontinenten. Fast immer mit Jetlag  – denken Sie nicht manchmal darüber nach, wie lange Sie das noch machen wollen?

Steinmeier: Ja, manchmal wacht man nach wenigen Stunden Schlaf in irgendeinem Hotelzimmer auf – und braucht einen kleinen Moment der Besinnung: Welches Land, welche Stadt, welche Krise ... Doch daran gewöhnt man sich. Wichtig ist, dass Körper und Geist fit bleiben. Gesundheitlich habe ich in den letzten Jahren großes Glück gehabt. Drücken Sie mir die Daumen, dass das so bleibt. 

Als Bundespräsident hätten Sie es sicher angenehmer. Wäre das nichts für Sie – falls das Amt im nächsten Jahr frei wird?

Steinmeier: Ich bin am Werderschen Markt genau da, wo ich sein will. Und: Joachim Gauck macht seine Sache ganz hervorragend. Ich habe immer gesagt: Ich würde mir wünschen, dass er für eine zweite Amtszeit zur Verfügung steht.

Ihr Job sind die Krisen der Welt – Ukraine, Nahost, Persischer Golf: Wie oft haben sie die Nase so richtig voll von den Dramen, Tragödien, Toten?

Steinmeier: Immer. Dass das alles für mich schwer zu ertragen ist, ist jeden Tag aufs Neue mein Antrieb für unsere Anstrengungen, die Welt ein wenig friedlicher und besser zu machen, von der Ukraine über Nordafrika bis in den Nahen Osten.

Wie gefährlich ist der neu aufgeflammte Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran? Droht da ein offener Krieg?

Steinmeier: Der ganze Mittlere Osten, und gerade Saudi-Arabien und Iran, sind uns etwas schuldig. Die Weltgemeinschaft hat sich seit Jahren massiv für die Befriedung der miteinander verflochtenen Konflikte in der Region eingesetzt. Jetzt brauchen wir verantwortliche Akteure in der Region, die verantwortlich handeln, in Riad genauso wie in Teheran. Ich setze darauf, und ich erwarte auch, dass die Entscheidungsträger dem auch gerecht werden.

Was bedeutet die Eskalation für den gemeinsamen Kampf gegen ISIS?

Steinmeier: Ich hoffe sehr, dass die Turbulenzen möglichst bald wieder enden, Vernunft einkehrt und Riad und Teheran sich darauf besinnen, worauf es wirklich ankommt: die militärischen Konflikte zu entschärfen, in Syrien, im Jemen und anderswo politische Lösungen zu befördern und dadurch ISIS den Boden zu entziehen.

Saudi-Arabien gilt bisher als enger Verbündeter des Westens. Haben wir da die falschen Freunde?

Steinmeier: Wir haben Werte, die wir hoch halten, und wir haben Interessen, die wir schützen wollen. Das geht nach meiner festen Überzeugung nur, wenn man mit den entscheidenden Akteuren im Dialog bleibt, auch wenn das nicht leicht ist und auch schwierige Themen auf den Tisch kommen.

Dänemark hat wieder Grenzkontrollen eingeführt. Gehört die Reisefreiheit in Europa angesichts des Zustroms von Flüchtlingen bald der Vergangenheit an?

Steinmeier: Das hoffe ich nicht, aber ich sehe sehr wohl die Gefahr. Ich bin überzeugt, dass wir die vielleicht größten Errungenschaften Europas, Freizügigkeit und Reisefreiheit, mitsamt dem Schengen-Regime erhalten können. Wir müssen in Europa an einem Strang ziehen, europäische Lösungen für die Flüchtlingsströme finden und unsere europäischen Außengrenzen wirksam schützen.

Wenn Sie sich zum Geburtstag etwas von der Kanzlerin wünschen dürften…?

Steinmeier: Mehr auf die Sozis im Kabinett hören als auf Seehofer …

… und vom Vizekanzler?

Steinmeier: Weiter seine Unterstützung und freundschaftliche Zusammenarbeit!

Interview: Rolf Kleine. Übernahme mit freundlicher Genehmigung der Bild.

 

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