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"Wir müssen jetzt alle zusammenbringen, die gegen ISIS sind"

Außenminister Frank-Walter Steinmeier spricht im Interview mit der Bild am Sonntag darüber, wie er die Pariser Terroranschläge im Fußballstadion Stade de France erlebt hat. Weitere Themen: der Kampf gegen die Terrororganisation IS und das Verhältnis zu Russland.

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Herr Minister, wie haben Sie den Abend des 13. November erlebt?

Zunächst genauso wie alle anderen Zuschauer im Stadion: Ich konnte nicht einordnen, woher die beiden Detonationen Mitte der ersten Halbzeit kamen. Es war zwar kein Rauch zu sehen, trotzdem dachte ich erst an Feuerwerkskörper von unverantwortlichen Fans. Aber etwa zehn Minuten nach dem zweiten Knall, das war eine Viertelstunde vor der Halbzeitpause, kam die erste Nachricht: Ein Sicherheitsbeamter sagte dem französischen Präsidenten und mir, es habe unmittelbar vor dem Stadion eine Explosion gegeben.

Ein paar Minuten später kam der Sicherheitsbeamte wieder zu uns und berichtete von drei Toten. Das war ein Schock. Der französische Präsident und ich haben uns angesehen und uns gefragt, ob wir die Zuschauer unter diesen Umständen uninformiert halten können und ob das Spiel nicht abgebrochen werden muss. Dann kamen im Zwei-Minuten-Rhythmus immer neue Informationen zu den Attentaten in der ganzen Stadt. Präsident Hollande und ich haben uns kurz zurückgezogen, um uns ohne Zuhörer auszutauschen. Auf Bitten der Sicherheitsbeamten sind wir aber schnell wieder auf die Tribüne gegangen, um im Stadion jedes Signal von Beunruhigung zu vermeiden, bevor die Polizei den Tatort gesichert hat.

In der Pause gab es ausführlichere Beratungen. Ergebnis: Der französische Präsident verlässt das Spiel und begibt sich zum Krisenstab. Uns haben die französischen Sicherheitsdienste gefragt, ob sie uns trotz der gefährlichen Lage bitten dürfen, im Stadion zu bleiben. Sie wollten verhindern, dass dort Hektik oder gar Panik ausbricht, wenn den Zuschauern auffällt, dass die Ehrentribüne auf einmal leer ist. So haben wir wieder unsere Plätze eingenommen und 45 Minuten lang so getan, als interessierte uns das Fußballspiel.

Bis kurz vor Schluss hatten sich die Ereignisse im Stadion offenbar noch nicht herumgesprochen. Wir haben aufmerksam beobachtet, ob irgendwo in den Kurven Unruhe ausbricht, aber da war nichts erkennbar. Die französischen Sicherheitsleute haben die zweite Halbzeit genutzt, um Polizeipräsenz vor dem Stadion massiv aufzubauen.

Fünf Minuten vor Spielende wurden wir dann hinter die Tribüne gebeten, dann ging’s mit dem Fahrstuhl runter in die Tiefgarage und dann mit Tempo raus aus dem Stadion zum Flughafen, von wo ich ohnehin noch am Abend zu den Syrien-Verhandlungen nach Wien fliegen musste. Als wir rausfuhren, war bereits das Areal vor dem Stadion, wo die Attentate passiert waren, komplett abgesperrt, die dort liegenden Ausgänge waren zu, die Zuschauer wurden über die anderen Ausgänge herausgeleitet, Richtung Innenstadt.

Ich kann der französischen Polizei nur größte Komplimente machen. Es ist ihr Verdienst, dass das Stadion geräumt werden konnte, ohne dass eine Massenpanik ausgebrochen wäre. In einer so angespannten Lage, so ruhig zu bleiben: Das verdient größten Respekt.

Hatten Sie Angst?

Spätestens, als wir von der Attentatsserie in Paris hörten, wusste keiner, wie der Abend zu Ende geht. Und klar war ich höchst besorgt. Allerdings weniger wegen eines weiteren Attentats im Stadion, weil die Attentäter entgegen ihrer Absicht offenbar nicht ins Stadion gelangt sind und sich vor dem Stadion in die Luft gesprengt hatten. Meine große Sorge war eher, dass sich die Anschläge herumsprechen und im Stadion Panik ausbricht.

Welchen Eindruck hat Hollande auf Sie gemacht?

Geschockt, aber gleichzeitig diszipliniert und entschlossen.

Wie muss der Kampf gegen den Terror geführt werden?

Ohne eine militärische Auseinandersetzung mit ISIS geht es sicher nicht. Entscheidend wird sein, dass wir all die verschiedenen Kräfte, die am Boden gegen ISIS kämpfen, endlich zusammenbringen.

Denn wir sehen genau dort militärische Erfolge, wo es gelungen ist, ein gemeinsames Vorgehen zu vereinbaren. Im Irak das abgestimmte Vorgehen zwischen der Armee in Baiji und den Peschmerga in Sindschar oder mit einer kurdisch-arabischen Allianz etwa bei der Befreiung von Tal Abjad.

In Syrien sieht das aber anders aus...

Sie haben Recht. Bisher hat sich Assad weniger auf den Kampf gegen ISIS konzentriert, sondern vor allem die moderaten Gruppen bekämpft. Es muss endlich Schluss damit sein, dass sich die syrische Armee, die freie syrische Armee und moderate Milizen-Gruppen im Drei-Fronten-Krieg verschleißen, statt gemeinsam gegen ISIS zu kämpfen. Wir müssen jetzt alle zusammenbringen, die gegen ISIS sind.

Braucht es nicht auch westliche Bodentruppen, um ISIS am Ende zu besiegen?

Ich kenne niemanden,  der dort mit westlichen Bodentruppen reingehen will. ISIS wünscht sich ja geradezu die verhassten westlichen Truppen in Syrien oder im Irak, um ihnen seine Selbstmordattentäter entgegenzuwerfen.

Russlands Präsident Putin kämpft zusammen mit Frankreich gegen ISIS. Bringt der gemeinsame Kampf gegen den Terror Russland zurück an die Seite der Weltmächte?

Wir dürfen nicht unterschätzen, dass Russland sich mit seiner millionengroßen muslimischen Bevölkerung von den Entwicklungen im mittleren Osten ernsthaft bedroht fühlt. Russland hat kein Interesse, glaube ich, sich über Jahre hinweg in Syrien zu verschleißen und immer tiefer in einen Krieg hineingezogen zu werden. Deshalb habe ich den Eindruck, dass auch Russland tatsächlich nach einem Ausweg aus der syrischen Katastrophe sucht. Wichtig ist, dass USA und Russland bei den Wiener Verhandlungen beieinander bleiben. Die konstruktive Zusammenarbeit zwischen dem russischen und dem amerikanischen Außenminister in den Verhandlungen ist für jeden sichtbar. Das ist gut, auch wenn es weiter große Differenzen gibt, nicht zuletzt über das Schicksal Assads.

Kann Putin so sogar in den Kreis der G8 zurückkehren?

Unser Interesse war es nie, Russland zu isolieren oder aus den G8 wieder dauerhaft eine G7 zu machen. Zu dieser Entscheidung ist es nach dem Vertrauensbruch in der Ukraine beginnend mit der Annexion der Krim gekommen. Sollten wir im Ukraine-Konflikt weitere Hürden erfolgreich aus dem Weg räumen und sollte Russland im Syrien-Konflikt wie bisher weiter gemeinsam mit uns an einer Lösung arbeiten, dann kann und sollte der Westen kein dauerhaftes Interesse haben, Russland aus der regelmäßigen Abstimmung zwischen den großen westlichen Nationen auszuschließen.

Ist der 13. November für Europa das, was der 11. September für die USA war?

Die Terroranschläge in Paris sind ein Anschlag auf unsere offene Gesellschaft, und auf ganz Europa. Wenn bei uns im Auswärtigen Amt Fragen eingehen, ob man Weihnachtsmärkte besuchen kann oder Urlaubsflüge storniert werden sollen, dann ist das ein Beleg dafür, dass die Saat der Angst von ISIS schon aufgegangen ist. So schrecklich das Attentat von Paris war: Wir dürfen nicht das aufgeben, was unser Leben so lebenswert macht. Wir dürfen uns nicht von Angst leiten lassen.

Interview: Roman Eichinger. Übernahme mit freundlicher Genehmigung der Bild am Sonntag.

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