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Sonderbeauftragter Lindner: "Ich will wissen, was Ebola für das tägliche Leben der Menschen bedeutet"

Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung im Kampf gegen Ebola, Walter Lindner, sprach vor seiner Reise nach Sierra Leone im Interview mit Spiegel Online über das Engagement der Bundesregierung gegen die Epidemie, die Arbeit der Ärzte und eigene Ängste im Umgang mit dem Virus.

Herr Lindner, Sie haben gerade die vom Virus betroffenen Länder Liberia und Guinea in Westafrika besucht, fliegen diese Woche nach Sierra Leone. Mit welchen Gefühlen reisen Sie dorthin?

Als Außenminister Frank-Walter Steinmeier mich bat, die Aufgabe zu übernehmen, war mir sofort klar, dass ich mir rasch ein Bild von der Lage vor Ort machen muss. Ich will nicht nur sehen, wie es in den Ländern aussieht. Ich will auch wissen, wie es den Millionen Menschen in Liberia, Guinea und Sierra Leone ergeht, was Ebola für ihr tägliches Leben bedeutet, was für die Gesellschaften. Natürlich macht man sich wie alle, die dort vor Ort sind, seine Gedanken. Auch ich habe ein mulmiges Gefühl.

Welchen ersten Eindruck haben Sie erhalten?

In Liberia und Guinea stellt sich sofort ein Gefühl der Beklemmung ein, schon am Flughafen. Es gibt dort nur ein Thema - Ebola und die Gefährdung des eigenen Lebens.

Wie wirkt sich das konkret aus?

Sie beobachten ständig ihren eigenen Körper auf mögliche Symptome. Ist die Temperatur erhöht? Haben sie Gliederschmerzen? Hinzu kommen die enormen gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen Auswirkungen. Sie dürfen niemanden berühren, niemandem die Hand geben, Sie haben eine permanente, vielleicht auch irrationale Furcht, sich doch angesteckt zu haben. Das betrifft alle Menschen, gleichgültig, aus welcher Schicht sie sind, ob in der Regierung oder anderswo. Hinzu kommt das Gefühl der Klaustrophobie, weil man aus diesen Ländern mit nur noch sehr wenigen Flügen rauskommen kann. Es war auch für mich nicht so einfach, überhaupt dorthin zu gelangen.

Hilfsorganisationen werfen der Bundesregierung vor, die Gefahr unterschätzt zu haben.

Die internationale Gemeinschaft hat spät reagiert. Aber wir gehören zu jenen, die noch relativ rasch reagiert haben. Ich verstehe die Ungeduld, die manche haben. Die Hilfe läuft an - und wir tun alles, damit es so schnell wie möglich geschieht.

Eine Organisation wie Ärzte ohne Grenzen lobt zwar die Fortschritte, die die Regierung bei der Ebola-Hilfe gemacht hat, sagt aber auch, es sei vor Ort noch nichts von deutscher Seite geschehen. Was antworten Sie?

Ich habe den allergrößten Respekt vor Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen, die seit Anbeginn der Ebola-Krise vor Ort sind und die Lage genau kennen. Aber bei aller Kritik: Wir handeln! Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin hat vor Ort ein modernes Forschungslabor eingerichtet, das Befunde auf Ebola untersucht. Die Bundeswehr hat eine Luftbrücke in die Region aufgebaut, fliegt regelmäßig runter. Auch die Vorausteams vom Technischen Hilfswerk, vom Deutschen Roten Kreuz und der Bundeswehr waren vor Ort, um festzulegen, wo die Behandlungszentren errichtet werden.

Was geschieht konkret?

Diese Woche beginnen die Bundeswehr und das Deutsche Rote Kreuz in Deutschland mit der Ausbildung der Freiwilligen. Wer weiß, wie schnell man sich infizieren kann, der weiß auch, wie wichtig eine sorgfältige Vorbereitung ist. In einigen Wochen werden diese Helfer ausreisen, dann werden in Monrovia und Freetown, den Hauptstädten von Liberia und Sierra Leone, die Bettenstationen für die Betroffenen ihre Arbeit aufnehmen.

Bislang wurden drei Ebola-Patienten aus Afrika nach Deutschland mit privaten Anbietern in Spezialkliniken geflogen, einer verstarb. Wird die Bundeswehr auch Ebola-Patienten hierherbringen?

Für leichte Infektionsfälle hat die Bundeswehr jetzt Isolierstationen erworben, die in den "Transall"-Maschinen integriert werden können. Für schwere Fälle greifen wir derzeit auf private Anbieter zurück. Wir arbeiten aber mit Hochdruck an einer eigenen Lösung.

Jetzt will die EU einen Sonderbeauftragten einrichten. Droht nun eine ausufernde Ebola-Bürokratie?

Es ist gut, wenn die EU jetzt auch sichtbarer wird. Das betrifft vor allem viele kleinere Staaten, die nicht wie die größeren Länder mit eigenen Ärzteteams vor Ort sein können. Für sie ist eine europäische Plattform wichtig, an der sie sich mit Hilfen beteiligen können.

In der EU wird unterschiedlich mit Ebola umgegangen. Tschechien verlangt auf den Flughäfen den Nachweis über die letzten Reisestationen. In Deutschland gibt es das nicht. Warum?

Deutschland hat aus den betroffenen Ebola-Ländern keine Direktflüge. Aber es gibt in dieser Frage kein statisches Vorgehen. Alle sind sensibilisiert, die Lage wird permanent neu bewertet. Die Gesundheitsminister haben sich kürzlich getroffen, um auch über Fragen der Ein- und Ausreise an Flughäfen zu sprechen. Belgien will jetzt am Flughafen in Brüssel, wo es viele Direktflüge von und nach Afrika gibt, Temperaturmessungen bei Passagieren einführen, Frankreich tut es schon, Großbritannien auch. Die Diskussionen über solche Fragen gehen in der EU weiter, auch bei uns im Krisenstab.

Die Fragen stellte Severin Weiland. Übernahme mit freundlicher Genehmigung von Spiegel Online.

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