Hauptinhalt

Der tragische Kriegsalltag der syrischen Weißhelme

Was die Finanzhilfe des Auswärtigen Amts für den Zivilschutz bedeutet: Direktor Raed Saleh im Gespräch.

Raed Saleh wollte eigentlich nur eine Atempause vom syrischen Kriegsalltag. Er nahm deshalb an einem Workshop in der Türkei teil. Etwas Entspannung, Zeit zum Nachdenken und Schlafen, ein bisschen Erste Hilfe – so stellte er sich den Kurs über die Rettung von Verschütteten vor. Es kam anders. „Bei einer Übung wurden wir in verschiedene Räume geschickt, um Verletzte aufzuspüren“, erzählt er. Es war staubig, unübersichtlich und dunkel. Saleh sah wenig und entdeckte niemanden. Als er wieder draußen war, meldete er: keine Verletzten. Dann zeigte ihm sein Ausbilder zwei Menschen, die die Opfer mimten und von Saleh übersehen worden waren. „Erst in dem Moment ist mir klar geworden, wie viel mehr man mit einer guten Ausbildung tun kann“, sagt er. „Es war eine lebensverändernde Erfahrung für mich.“

Aleppo: Helfer im Fadenkreuz

Inzwischen ist Raed Saleh Direktor des Syrischen Zivilschutzes, der sogenannten Weißhelme. Die knapp 3000 ehrenamtlichen Helfer, darunter auch einige Frauen, sind die einzigen, die sich in den umkämpften Ortschaften und Städten noch um die Opfer von Luftangriffen und anderen militärischen Angriffen kümmern. Im zerstörten Aleppo stehen sie besonders im Fadenkreuz. Doch sie operieren in allen von den Regierungsgegnern kontrollierten Gebieten.

Saleh und Steinmeier bei der Verleihung des Deutsch-Französischen Menschenrechtspreises

Saleh und Steinmeier bei der Verleihung des Deutsch-Französischen Menschenrechtspreises
© Photothek

Bild vergrößern
Saleh und Steinmeier bei der Verleihung des Deutsch-Französischen Menschenrechtspreises

Außenminister Steinmeier und Weißhelme-Direktor Saleh während der Verleihung des Deutsch-französischen Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in Berlin

Saleh und Steinmeier bei der Verleihung des Deutsch-Französischen Menschenrechtspreises

Die Weißhelme stehen für ein Stück Menschlichkeit in einer ausweglosen Situation. Erst Anfang Dezember wurde Saleh stellvertretend für seine Organisation von Außenminister Frank-Walter Steinmeier und seinem französischen Amtskollegen Jean-Marc Ayrault in Berlin der Deutsch-französische Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit verliehen. Zuvor waren die Weißhelme bereits mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden.

"Unsere Arbeit ist eine Tragödie"

„Wir werden oft als heldenhaft angesehen“, sagt der 32-Jährige. „Doch für uns ist unsere Arbeit einfach nur eine Tragödie.“ Für Saleh ist es schwer, nicht vor Ort bei seinen Kollegen zu sein. Immer wieder schaut er nervös auf sein Smartphone, schreibt Nachrichten, telefoniert. Aber er weiß eben auch, dass Mut allein nicht reicht. Seine Helfer brauchen auch Ausrüstung, Fahrzeuge, Räum- und Löschgeräte. Deutschland ist nach den USA und Großbritannien der drittgrößte Geldgeber der Weißhelme. Das Auswärtige Amt hat die Organisation bisher mit 12 Millionen Euro unterstützt.

Aus dem Budget des Auswärtigen Amtes wird nicht nur Ausrüstung angeschafft, sondern es werden auch Schulungen wie die bezahlt, an denen Saleh zu Anfang teilgenommen hat. „Die deutsche Unterstützung ist sehr bedeutend für uns“, so Saleh. „Mit dieser Hilfe haben wir Krankenwagen anschaffen können, aber auch Kameras zur Dokumentation von Verbrechen.“ Außerdem bekommen die Weißhelme eine Aufwandsentschädigung von umgerechnet 175 Dollar im Monat ausbezahlt, die Deutschland mitfinanziert. „Dieses Geld sichert den Freiwilligen ein wenig Stabilität im Alltag und hilft, die Grundbedürfnisse zu decken.“

Die meisten Weißhelme sind keine Profis, sondern vor dem Krieg Schneider, Bäcker oder Automechaniker gewesen. Raed Saleh hat in seinem alten Leben mit Elektronik gehandelt. Die Helfer haben sich in bescheidenen Einsatzzentralen eingerichtet, wo sie auf den nächsten Luftangriff warten. In umkämpften Städten aber wurden auch diese schon gezielt bombardiert und teilweise mitsamt der mühsam beschafften Ausstattung beschädigt oder zerstört.

Angst vor den Doppelschlägen

Am schlimmsten sind die Doppelschläge: ein Kampfjet bombardiert ein Gebäude, fliegt davon, macht nach ein paar Minuten kehrt, um dann, wenn die Helfer vor Ort sind, erneut eine tödliche Ladung abzuwerfen. „Wir können ja nicht einfach abwarten, sondern müssen möglichst in drei bis fünf Minuten vor Ort sein, denn die Zeit ist nicht auf unserer Seite“, sagt Raed Saleh. „Wenn wir hören, dass ein Flugzeug zurückkommt, dann versuchen wir, so schnell wie möglich in Deckung zu gehen.“ Aber oft hilft es nicht. Viele Weißhelme wurden so selbst schon zu Opfern.

Das Assad-Regime sieht die Weißhelme als Teil eines terroristischen Netzwerks an, als Komplizen der Al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front und des „Islamischen Staates“. „Wir versorgen jeden, der unsere Hilfe braucht“, hält Saleh dagegen. „Wenn jemand unter den Trümmern liegt, fragen wir nicht erst nach, welche politischen Überzeugungen er hat.“

Zum Weiterlesen

Außenminister Steinmeier zur Lage in Aleppo

Humanitäres Engagement in Syrien

Stabilitätspartnerschaft Mittlerer Osten

Deutsche Humanitäre Hilfe


Stand 16.12.2016

Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise und Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere