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Venezuela

Wirtschaft

Stand: Februar 2012

Wirtschaftsordnung

Das Öl sei Fluch und Segen Venezuelas, erklärte Präsident Chávez im venezolanischen Fernsehen. Seine Vorgänger hatten zu ihrer Zeit das Gleiche gesagt. Über 95 Prozent der Exporterlöse Venezuelas kommen aus den Ölexporten. Die Erdöleinnahmen machen rund ein Drittel des Bruttosozialprodukts aus und tragen deutlich mehr als 50 Prozent zu den Staatseinnahmen bei. Venezuela tritt in der OPEC für hohe, "gerechte" Preise ein und fordert eine Beschränkung der Fördermengen.

Der Erdölreichtum Venezuelas hat seit Beginn der Förderung in den 20er Jahren bis etwa zum Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts das Entstehen einer breiteren Mittelschicht begünstigt, die venezolanische Wirtschaft wuchs in dieser Zeit im Durchschnitt um 5,9 Prozent. Es gelang aber nicht, die venezolanische Wirtschaft zu diversifizieren, während der Anteil der Angestellten im öffentlichen Sektor durch die Sozialprogramme der 70er und 80er Jahre enorm zunahm. Es entstand eine von den Öleinnahmen abhängige „Rentenökonomie“.

Die Entwicklung des ländlichen Raums wurde vernachlässigt, der einstmalige Exporteur von Agrarprodukten (Leder, Kaffee und Kakao) importiert heute den größten Teil der Lebensmittel. In den Städten entstanden durch die Landflucht große Armenviertel. In der Phase der niedrigen Ölpreise in den 80er und 90er Jahren stieg der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung auf über 60 Prozent an. Vor diesem Hintergrund wurde Hugo Chávez im Dezember 1998 zum Präsidenten gewählt.

Präsident Chávez kündigte an, mit dem so genannten “Sozialismus des XXI. Jahrhunderts“ die Wirtschaftsordnung Venezuelas nachhaltig verändern und die bislang benachteiligten Bevölkerungsschichten am Reichtum Venezuelas beteiligen zu wollen. Verstaatlichungen erfolgten zunächst in den Bereichen Großgrundbesitz und strategische Industrien (u.a. Erdöl, Eisen und Stahl, Häfen). Mittlerweile sind auch Supermarktketten, der Bereich Nahrungsmittelversorgung und Baufirmen betroffen. Obwohl die venezolanischen Wähler im November 2007 eine Verfassungsänderung abgelehnt haben, die ein sozialistisches Venezuela zum Ziel hatte, wird der Umbau der Gesellschaft mit einer Reihe von Einzelgesetzen zu verschiedenen Wirtschaftsbereichen vorangetrieben.


Wirtschaftsentwicklung

Die stark steigenden Öleinnahmen in den Jahren 2004 bis 2008 führten zu einem durch staatliche Ausgabenprogramme getriebenen Boom. Gleichzeitig startete die Regierung Chávez Kampagnen zur Behebung sozialer Probleme. Der Anteil der Armut ging auf unter 30 Prozent zurück, der Anteil der absoluten Armut liegt mittlerweile bei 7 Prozent.

Importboom und Ausgabenprogramme haben zu einem Anstieg der Inflationsrate auf knapp 30 Prozent geführt. Die Rezession der Jahre 2009 und 2010 nach dem Einbruch der Öleinnahmen (2009 Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,3 Prozent, 2010 um 1,4%) hat an der galoppierenden Inflation nichts geändert (2011 waren es 27,6%). 2011 ist die venezolanische Wirtschaft dank massiver Ausgabensteigerungen durch die öffentliche Hand ab dem IV. Quartal um 4,2% gewachsen. Das durch staatliche Ausgabenprogramme getragene Wachstum dürfte im Wahljahr 2012 anhalten, die Regierung hat auf Grund der anhaltend hohen Ölpreise weiterhin genügend Geld in den Kassen. Schätzungen für das Wachstum 2012 liegen bei 5%.

Die venezolanische Währung unterliegt einer strikten Devisenkontrolle. Seit Anfang 2011 beträgt der offizielle Wechselkurs 4,30 Bolívares pro Dollar. Es stehen aber zu diesen Kursen nicht genügend Devisen zur Verfügung. Wer bei der Devisenbehörde CADIVI nicht zum Zuge kommt, kann bei der Zentralbank versuchen, Dollar zum Kurs von 5,30 Bolívares pro Dollar zu erwerben („SITME“). Eine weitere Möglichkeit, legal an Devisen zu kommen, sind von Zeit zu Zeit Dollaranleihen von Staat oder staatlicher Ölgesellschaft PDVSA, die in Bolívar verkauft werden. Im Verlauf des Jahres 2011 erfolgten mehrere begrenzte Zuteilungen zum Kurs von etwa 6 Bolívar pro Dollar.

Die Arbeitslosigkeit lag Ende 2011 nach offiziellen Angaben unter 7 Prozent. Angesichts des hohen Anteils der Beschäftigten im informellen Sektor ist diese Zahl allerdings nicht mit EU-Statistiken vergleichbar (nach Regierungsangaben stehen nur gut 50 Prozent der Beschäftigten in einem regulären Arbeitsverhältnis). Der Mindestlohn stieg 2011 in zwei Raten um 25 Prozent, angesichts der höher liegenden Inflationsrate kam es gerade in den unteren Einkommensschichten zu einem deutlichen Verlust an Kaufkraft.

Die Regierung versucht, soziale Probleme mit Hilfe von präsidialen Sonderprogrammen („Misiones“) anzugehen. Die „Misiones“ werden weitgehend außerhalb des Staatshaushalts unter Einsatz von Sondererträgen aus der Erdölwirtschaft finanziert und unter Mitwirkung von Behörden und Militär umgesetzt. Die bekanntesten sind die „Misión Robinson“ (Alphabetisierung), „Barrio Adentro“ (Gesundheitsfürsorge in Armenvierteln mit Hilfe kubanischer Ärzte) und „Vuelvan Caras“ (Arbeitsförderung). Nach Anfangserfolgen erwies es sich als schwierig, die Arbeit der “Misiones” nachhaltig zu organisieren. 2011 kamen zwei neue „misiones“ zur Förderungen der Landwirtschaft und dem Bau von Wohnungen hinzu.


Wirtschaftsstruktur

Die Strukturprobleme des Öllands Venezuelas bestehen auch nach 13 Jahren Amtszeit von Präsident Chávez fort: Weite Bereiche der Industrie leiden angesichts der fortbestehenden Überbewertung des Bolívar unter Wettbewerbsnachteilen. Initiativen zur Entwicklung des Tourismus laufen angesichts der steigenden Unsicherheit und inflationsbedingt zu hoher Kosten immer wieder ins Leere. Die Regierung plant den Ausbau staatlicher Industriebetriebe, z.B. im Bereich Petrochemie; die Schwerindustrie in Guayana kämpft aktuell mit großen Schwierigkeiten (Krise in der Stromversorgung, Personalrotation nach den Verstaatlichungen, mittelfristig großer Renovierungsbedarf). Der Beitrag des Agrarsektors zum Bruttosozialprodukt liegt bei nur circa 4 Prozent. Die auf enteignetem Grundbesitz gegründeten Kooperativen können die vorherige Produktionsleistung nicht aufrecht erhalten. Die von Seiten der Regierung festgelegten Ankaufspreise für Grundnahrungsmittel decken nicht die Produktionskosten. Die Importquote bei Nahrungsmitteln liegt über 70 Prozent.

Kurzfristig steht die Regierung im Wahljahr 2012 vor der Herausforderung, ihre Versprechungen im Wohnungsbau einzulösen. Mittel- und langfristig setzt Venezuela nach wie vor auf die Entwicklung seiner riesigen Erdölreserven, die vor allem aus den Schwer- und Schwerstölen im Orinokogürtel bestehen. Der US Geological Survey hat die mit heute verfügbarer und mittelfristig zu erwartender Technik wirtschaftlich förderbaren Reserven im Januar 2010 auf über 500 Milliarden Barrel geschätzt. Offiziell zertifiziert sind Reserven in Höhe von 296 Mrd. Barrel Öl, mehr als die zertifizierten Ölreserven Saudi-Arabiens. Die Entwicklung der Ölreserven im Orinokogürtel erfolgt durch internationale Konsortien, die zusammen mit der staatlichen Ölfirma PDVSA als Mehrheitspartner (60 Prozent Anteil) Förderrechte erhalten haben (drei Konsortien im Rahmen bilateraler Verträge aus Italien, Russland und China sowie ein Konsortium unter Führung von CHEVRON und ein spanisch-indisches Konsortium unter Führung von REPSOL). Sie stehen vor großen technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen: Sie müssen viele Milliarden Dollar in Anlagen zur Aufbereitung des extrem zähflüssigen Öls des Orinokogebiets investieren, bevor sie mit dem ersten exportierten Fass anfangen können, ihre Kosten zu decken.

Wirtschaftsdatenblatt (PDF, 44 KB)



Hinweis

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.