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Wirtschaft
Stand: April 2012
Aktuelle wirtschaftliche Lage
Die türkische Wirtschaft hatte sich von den Auswirkungen der globalen Finanzkrise 2009 trotz massiver Konjunkturseinbrüche (BIP-Wachstum: -4,7%) relativ schnell erholt und im Jahr 2010 mit 8,9% das größte Wirtschaftswachstum nach China und in den ersten neun Monaten von 2011 mit 9,6% sogar das größte Wirtschaftswachstum vor China erzielt. Auch darüber hinaus kann die Türkei im Vergleich mit zahlreichen anderen EU-Staaten mit vielen positiven wirtschaftlichen Indikatoren glänzen.
Trotz der positiven Wirtschaftsentwicklung bei einem Wachstum von 8,5% im Jahr 2011 zeichnet sich mittlerweile eine langsame Abkühlung ab. Der IWF prognostiziert für 2012 ein Wachstum von 0,4%, während die Schätzung der Regierung noch bei 4% liegt.
Finanzpolitik
Einen wesentlichen Wachstumsmotor bildeten die hohe Inlandsnachfrage und die Einfuhren. Damit einher ging eine auf kurzfristige Kapitalzuflüsse gestützte starke Kreditzunahme. Das Leistungsbilanzdefizit stieg steil auf fast 10% des BIP an. Der extern finanzierte Nachfrageboom hat die Widerstandsfähigkeit der Türkei in manchen Sektoren geschwächt. Kapitalzuflüsse sind von potentiell flüchtigen Finanzierungen beherrscht, die kurzfristige Auslandsverschuldung ist stark angestiegen. Die Devisenverbindlichkeiten von privaten Wirtschaftsunternehmen haben sich deutlich erhöht, wodurch diese anfällig für negative Währungsschwankungen werden. Der Präsident der türkischen Zentralbank, Erdem Basci, legte Ende Oktober 2011 ein Fünf-Punkte-Programm vor, mit dem der Wechselkurs der türkischen Lira gestützt und der drohenden Inflation Einhalt geboten werden soll. Das Ziel der Zentralbank, die Inflationsrate bei 5,5% zu halten, wurde nicht erreicht. Ende 2011 lag sie bei 10,5%. Die Schuldenquote der Türkei, die sich während der globalen Krise von 39,9% auf 46,1% erhöht hatte, liegt jetzt wieder deutlich unter 40%.
Haushaltspolitisch knüpft die türkische Regierung an die auf Stabilität ausgerichtete disziplinierte Fiskalpolitik früherer Jahre an. Positiv hervorzuheben ist die stetige Verringerung der Schuldenquote und der ausgeglichene Haushalt. Die Türkei will spätestens bis Ende 2013 die Kredite beim IWF vollständig bedienen. Das Haushaltsdefizit 2011 betrugt 2,1% des BIP (7,53 Mrd. €). Die Prognose für 2012 liegt bei 2,0%. Mit den Kennziffern für den Schuldenstand und das Haushaltsdefizit erfüllt die Türkei die Maastricht-Kriterien.
Im September 2011 erhöhte die Ratingagentur Standard & Poor's ihr Länderrating für die Türkei auf "BB+" und bewertete den Ausblick als "positiv" mit der Begründung, der Finanzsektor sei in einer "soliden Verfassung" und die Türkei habe "ihre öffentliche Verschuldung in den vergangenen zehn Jahren stetig verringert, wodurch sich mehr Handlungsspielraum bei der Wirtschaftspolitik" ergebe. Auch die Ratingagentur Moody’s erhöhte den Ratingausblick der Türkei von "stabil" auf "positiv" mit der Begründung, die türkische Wirtschaft habe "sich als stark erwiesen und bereits wieder das Vorkrisenniveau erreicht".
Risikofaktoren für die weitere wirtschaftliche Entwicklung bilden weiterhin die relativ hohen Außenhandels- und Leistungsbilanzdefizite.
Wirtschaftssektoren
Vor allem in der Westtürkei sind die Leicht- und Schwerindustrie stark vertreten (Textil, Fahrzeuge, Chemie, Maschinen, Elektrobranche) und tragen mit ca. 25% zum BIP bei. Größten Anteil am BIP (ca. 60%) hat der Dienstleistungssektor mit weiter steigender Tendenz. Laut Angaben der Weltbank arbeiten noch über ein Drittel der Erwerbsbeschäftigten in der Landwirtschaft und leisten einen Beitrag von knapp 10% zum BIP. Im auch infrastrukturell vergleichsweise geringer entwickelten Osten und Südosten wird überwiegend Landwirtschaft betrieben. Im Südosten werden seit Mitte der 1980er Jahre erhebliche Entwicklungsanstrengungen unternommen (GAP-Projekt mit Staudämmen, Kraftwerken, Elektrifizierung, Bewässerungsanlagen, Agrarindustrie, Straßen, Telekommunikation), was das bestehende West-Ost Gefälle bisher nur wenig verringern konnte.
Entwicklung der Erwerbseinkommen
Der überwiegende Teil der in Industrie, Landwirtschaft und Handwerk erwerbstätigen Arbeiter bezieht weiterhin den offiziellen "Mindestlohn". Er wurde für das erste Halbjahr 2012 auf 887 Türkische Lira brutto (rund. 385 Euro) festgesetzt.. Die Entwicklung der Realeinkommen hat mit der Wirtschaftsentwicklung nicht Schritt halten können, so dass insbesondere die unteren Bevölkerungsschichten am Rande des Existenzminimums leben. Auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen wandert die ländliche Bevölkerung weiterhin in die Städte und industriellen Zentren ab. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit offiziell bei 9,1%. Die Beschäftigungsquote von Frauen war 2010 mit 25,4% im OECD-Vergleich äußerst niedrig (Quote bei Männern: 65,2 %).
Hinweis
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.
