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Beziehungen zu Deutschland
Stand: April 2012
Der menschliche Faktor
Deutschland und die Türkei verbinden außerordentlich vielfältige und intensive Beziehungen, die Jahrhunderte zurückreichen.
Die circa 2,5 Millionen in Deutschland lebenden Menschen türkischer Herkunft, von denen etwas mehr als die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, sind ein bedeutender Faktor in den bilateralen Beziehungen. Hinzu kommt die starke Anziehungskraft der Türkei als Reise- und Urlaubsland (2011 ca. 4,8 Millionen Besucher aus Deutschland). Beide Faktoren tragen wesentlich zu dem Bild bei, das Deutsche und Türken voneinander haben.
Die türkischen Medien berichten breit über Deutschland, die Situation der dort lebenden türkischstämmigen Bevölkerung sowie die deutsche Haltung zu allen die Türkei betreffenden Themen. Die großen türkischen Tageszeitungen sind mit eigenen Sonderausgaben in Deutschland und Europa vertreten, zum Teil in beachtlicher Auflagenstärke. Hürriyet veröffentlicht seit Ende 2001 einen Teil ihrer Deutschlandausgabe in deutscher Sprache. Seit zehn Jahren sendet auch der Kanal "Euro D" von Deutschland aus europaweit sein türkischsprachiges Programm. Inzwischen haben viele türkische Medien (Tageszeitungen und TV-Sender) gesonderte Ausgaben für die in Deutschland lebenden türkischsprachigen Menschen.
Türkische Verbände und Einzelpersonen türkischer Herkunft werden eng in Initiativen der Bundesregierung wie den Integrationsgipfel und die Islamkonferenz eingebunden. Das neue Staatsangehörigkeitsgesetz von 1999 hat vielen Türken in Deutschland neue Chancen eröffnet. Das neue Zuwanderungsgesetz vom August 2007 hebt das Zuzugsalter für Ehepartner auf 18 Jahre an und verlangt einfache Deutschkenntnisse bei Familienzusammenführungen, womit Zwangsverheiratungen verhindert und die Integration neu in Deutschland Angekommener erleichtert werden sollen.
Der Status der in der Türkei lebenden Deutschen (nach Angaben der türkischen Regierung ca. 70.000) hat sich in den letzten Jahren weiter verbessert, ist aber noch nicht völlig befriedigend (Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis, Grunderwerb u.a.).
Politische Beziehungen
Deutschland genießt in der Türkei ein traditionell hohes Ansehen. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind freundschaftlich, vielschichtig und belastbar. Auf allen Ebenen finden regelmäßig Konsultationen und Gespräche zu einer großen Bandbreite politischer und anderer Themen statt. Dies ermöglicht eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit auch in kontroversen Fragen.
Unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft wurden 1999 die Weichen für den EU-Kandidatenstatus der Türkei gestellt. Deutschland hat ein besonderes Interesse an einer Vertiefung der gegenseitigen Beziehungen zur Türkei und an einer Anbindung des Landes an die Europäische Union. Die 2005 mit dem Ziel des Beitritts aufgenommenen Verhandlungen sind ein Prozess mit offenem Ende, der keinen Automatismus begründet und dessen Ausgang sich nicht im Vorhinein garantieren lässt.
Ausdruck der intensiven bilateralen Beziehungen ist auch der rege hochrangige Besuchsaustausch. So haben Bundespräsident Wulff und Bundeskanzlerin Merkel die Türkei. im Jahr 2010 besucht. Im Gegenzug fanden im Jahr 2011 offizielle Besuche des türkischen Staatspräsidenten Gül und von Ministerpräsident Erdoğan in Deutschland statt, zuletzt anlässlich des Festaktes zum 50. Jahrestages der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens Anfang November 2011 in Berlin. Bundesaußenminister Westerwelle hat seit Amtsantritt mehrfach die Türkei besucht und trifft im bilateralen oder im Rahmen von internationalen Konferenzen regelmäßig mit seinem türkischen Amtskollegen Davutoğlu zusammen.
Wirtschaftliche Beziehungen
Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei und mit einem Investitionsvolumen von nahezu 8,9 Mrd. US-Dollar seit 1980 der größte ausländische Investor in der Türkei. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2011 einen neuen Rekordwert von 31,44 Mrd. EUR: die türkischen Exporte nach Deutschland stiegen dabei um fast 18% (11,3 Mrd. EUR), die Importe aus Deutschland um rund 24% (20,14 Mrd. EUR). Die Zahl deutscher Unternehmen bzw. türkischer Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in der Türkei ist inzwischen auf fast 4.800 gestiegen. Die Betätigungsfelder reichen von der Industrieerzeugung und dem Vertrieb sämtlicher Produkte bis zu Dienstleistungsangeboten aller Art sowie der Führung von Einzel- und Großhandelsbetrieben. Im Gegenzug beschäftigen rund 75.000 türkischstämmige Unternehmer in Deutschland etwa 370.000 Mitarbeiter und erwirtschaften einen Jahresumsatz von ca. 35 Mrd. Euro.
Deutschland steht auch beim Fremdenverkehr in die Türkei an erster Stelle. Im Jahr 2011 besuchten ca. 4,8 Millionen deutsche Touristen die Türkei. Seit 1985 ist die deutsche Wirtschaft in der Türkei durch ein Delegiertenbüro des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) vertreten. Sie zählt mittwereile über 700 Mitglieder. Im Jahr 2004 wurde in Köln die Deutsch-Türkische Außenhandelskammer gegründet, die seit 2009 auch eine Zweigstelle in Berlin betreibt.
Zwischen Deutschland und der Türkei besteht bereits seit 1962 ein Investitionsschutzabkommen; das türkische Gesetz zur internationalen Schiedsgerichtsbarkeit trat im Juli 2001 in Kraft. Das bilaterale Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) von 1985 wurde zum 01.01.2011 gekündigt und ein neues DBA wurde am 19.09.2011 anlässlich des Staatsbesuchs von Präsident Gül in Deutschland unterzeichnet. In der Türkei ist die Ratifizierung bereits erfolgt, in Deutschland wird damit bis Jahresmitte gerechnet. Es tritt dann rückwirkend zum 01.01.2011 in Kraft.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit
Im Jahr 1959 begann mit der Entsendung erster deutscher Experten in die Türkei die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit (EZ),die im Laufe der Jahrzehnte zu einem Erfolgsmodell wurde. In den letzten Jahrzehnten wurden im Rahmen der finanziellen Zusammenarbeit über 4,3 Milliarden Euro in Form konzessionärer Kredite vergeben und im Bereich der technischen Zusammenarbeit belaufen sich die akkumulierten Zusagen auf über 285,2 Mio. Euro. Insgesamt kann die deutsch-türkische Entwicklungskooperation auf annähernd 400 verschiedene Projekte zurückblicken.
Nach einer moderaten letzten Neuzusage im Jahr 2008 läuft die klassische EZ zwar langsam aus, das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hält jedoch punktuell die Kooperation durch innovative und zukunftsfähige Projekte aufrecht, wie bei einem aktuell geplanten Solarkraftwerk. Im bilateralen Kooperationsdialog tritt vermehrt seit 2007 das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) auf. Das BMU unterstützt dabei Umwelt- und Klimaprojekte in der Türkei, die aus dem Fonds „Internationale Klimaschutzinitiative (IKI)“ des BMU finanziert werden, der sich aus der Versteigerung von Zertifikaten aus dem europäischen Emissionshandel speist. Besonderen Stellenwert in diesem Kooperationsfeld nimmt der bilaterale Lenkungsausschuss Umwelt ein, der halbjährlich zwischen Vertretern beider Umweltministerien durchgeführt wird..
Ebenfalls flankierend begleitet wird die klassische EZ durch verschiedene bilaterale Projekte im Bereich Forschung und Technologie. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat verschiedene Initiativen mit der Türkei ergriffen, u.a. eine Kooperation mit dem wissenschaftlichen und technologischen Forschungsrat der Türkei (TÜBITAK).
Kulturaustausch und Wissenschaftsbeziehungen
Als sichtbares Zeichen der Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern wurde im September 2006 die „Ernst-Reuter-Initiative für Dialog und Verständigung zwischen den Kulturen“ (ERI) ins Leben gerufen. Die Initiative umfasst zahlreiche Projekte in den Bereichen Kunst, Kultur und Medien, Jugend, Wissenschaft und Integration. Viele Prominente aus beiden Ländern unterstützen die ERI mit ihrer Erfahrung und ihrem Know-how. ERI-Leuchtturmprojekte sind insbesondere die Deutsch-Türkische Universität in Istanbul, deren erster Stein während des Staatsbesuchs von Bundespräsident Wulff in der Türkei am 22. Oktober 2010 enthüllt wurde und die 2012/2013 in ausgewählten Studiengängen ihren Lehrbetrieb aufnimmt. Im November 2010 verliehen Staatsministerin Pieper und der türkische Kulturminister Günay erstmals den Deutsch-Türkischen/Türkisch-Deutschen Tarabya-Übersetzerpreis.
Die Eröffnung der Kulturakademie Tarabya, die die Vernetzung deutscher und türkischer Kulturschaffender zum Ziel hat, fand am 13.10.2011 statt und ist ein Meilenstein auf dem Weg hin zu einer weiteren Intensivierung der Kontakte zwischen den Menschen beider Länder. Es ist geplant, dass erstmals im Frühjahr 2012 dort Stipendiaten einziehen werden.
In der deutsch-türkischen Hochschulzusammenarbeit wurde das Fundament in den 1930er und 1940er Jahren durch Professoren gelegt, die vor dem nationalsozialistischen Regime in die Türkei geflüchtet waren. Deutschland genießt in der Türkei einen guten Ruf als Universitäts- und Forschungsstandort. Das Interesse an universitären Partnerschaften ebenso wie an Forschungskooperation ist groß. Der Hochschulkompass der Hochschulrektoren-konferenz verzeichnet aktuell 709 Kooperationsabsprachen (inkl. Erasmusprogrammen) zwischen deutschen und türkischen Hochschulen (September 2011), mit steigender Tendenz. Acht Kooperationen werden vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) institutionell gefördert.
Die Zweigstellen des Goethe-Instituts in Ankara, Istanbul und Izmir bieten ein breites Spektrum an kulturellen Programmen und tragen so in allen Sparten zum interkulturellen Austausch bei, zunehmend auch mit Initiativen in der türkischen Provinz. Mit landesweiten Sprachkursen und Fortbildungsseminaren für türkische Deutschlehrer fördern sie Deutsch als Fremdsprache. Aufgrund der intensiven bilateralen Beziehungen ist die Türkei ein Schwerpunktland der Deutschförderung. Entsprechend wird die deutsche Sprache in der Türkei durch eine vergleichsweise starke Präsenz deutscher Mittler (Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, DAAD, Goethe-Institute), enge Kooperationen mit dem türkischen Erziehungsministerium, verschiedenen Hochschulen und lokalen Schulbehörden sowie durch eine Vielfalt von Fördermaßnahmen nachhaltig gefördert.
Das Orient-Institut Istanbul, eine eigenständige Einrichtung der Stiftung Deutscher Geisteswissenschaftlicher Institute im Ausland (DGIA), führt Forschungen zur osmanischen Geschichte und zur türkischen Sprach- und Literaturwissenschaft durch.
Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist bereits seit 1929 mit einer eigenen Abteilung in Istanbul vertreten und führt Forschungsprojekte von der Urgeschichte Kleinasiens bis zur osmanischen Epoche durch.
Im Oktober 2005 wurde auf Initiative der Botschaft Ankara eine „Kulturstiftung der deutsch-türkischen Wirtschaft“ ins Leben gerufen, die sich der Verstärkung des kulturellen Austauschs widmet. Bislang wurden Ausstellungen, Theaterstücke, Konzerte sowie eine Sommerakademie gefördert und auch Sprachkursstipendien für Begabte vergeben.
2010 war Istanbul gemeinsam mit Essen/Ruhrgebiet und dem ungarischen Pécs europäische Kulturhauptstadt. Gleichzeitig feierten Istanbul und Berlin das zwanzigjährige Bestehen ihrer Städtepartnerschaft. 2011 fanden im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens zahlreiche kulturelle Veranstaltungen in beiden Ländern statt.
Hinweis
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.
