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Wirtschaft
Stand: März 2012
Die Wirtschaft Chiles
Seit dem 19. Jahrhundert profitiert Chile von seinen natürlichen Rohstoffen. Zunächst beherrschte der Salpeterabbau die wirtschaftlichen Aktivitäten. Doch längst sind der Abbau von Kupfer sowie weiterer Rohstoffe zur wichtigsten treibenden Kraft der wirtschaftlichen Entwicklung geworden. Seit Ende der 1970er Jahre ist die chilenische Wirtschaft konsequent privatwirtschaftlich und wettbewerbsorientiert organisiert und auf den Weltmarkt ausgerichtet. Im Mai 2010 wurde Chile das zweite OECD-Land in Lateinamerika (nach Mexiko). Die Regierung von Staatspräsident Piñera hat sich zum Ziel gesetzt, dass Chile bis 2018 mit seinem Pro-Kopf-Einkommen zu den entwickelten Ländern aufschließt. 2011 lag der Andenstaat mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 16.171 USD (zu Kaufkraftparitäten) im südamerikanischen Vergleich bereits auf dem zweiten Platz.
Chile ist nach der globalen Finanzkrise und dem schweren Erdbeben vom 27. Februar 2010 mit materiellen Schäden von rd. 30 Mrd. USD wieder auf einem stabilen Wachstumskurs. Die Staatsfinanzen sind wohlgeordnet: Der Staatshaushalt weist einen Überschuss von 1,4% des BIP auf (2011), in den Staatsfonds, in denen die Überschüsse gespart werden, waren Ende 2011 17,5 Mrd. USD angelegt. Dazu trugen unter anderem hohe Rohstofferlöse bei. Anfang Januar 2012 wurde der Fonds für wirtschaftliche und soziale Stabilisierung nochmals um 1,7 Mrd. auf nun 15 Mrd. USD aufgestockt. Ein weiterer Fonds profitiert ebenfalls von dieser positiven Entwicklung. Entspannt ist auch die Verschuldungssituation. Sie liegt bei 10% - kein Wunder, dass die Kreditwürdigkeit der chilenischen Staatsanleihen von der Agentur Standard&Poors als die beste in Lateinamerika (A+) eingestuft ist.
Nach einem realen Wachstum von 5,2% im Jahr 2010 wuchs die chilenische Wirtschaft 2011 um 6,3% - die höchste Wachstumsrate seit 14 Jahren. Die Dynamik lässt sich in erster Linie auf die interne Nachfrage zurückführen, die insbesondere vom Konsum (+ ca. 10%) und den Investitionen im Baugewerbe belebt wurde. Der „Erdbeben-Faktor“ dürfte dabei eine große Rolle gespielt haben. Finanzminister Felipe Larraín ist davon überzeugt, dass sein Land aufgrund der soliden Wirtschafts- und Finanzpolitik der letzten Jahre auch für eine eventuelle Verschlechterung des internationalen Umfelds gut gerüstet ist. Doch räumt er ein, dass die offene, exportorientierte Wirtschaft, deren Ausfuhren einen hohen Rohstoffanteil aufweisen, von negativen Auswirkungen nicht ganz verschont bleiben wird.
Chile ist Mitglied wichtiger internationaler Wirtschaftsorganisationen wie WTO, IWF und Weltbank.
Im Hinblick auf Lebenserwartung, Zugang zu Bildung und Lebensstandard gehört Chile zu den am weitesten entwickelten Schwellenländern. Laut dem Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index= HDI) des UNDP erreichte Chile 2011 Rang 44 (2010: Rang 45). Der Anteil der Armen sank seit 1990 um mehr als die Hälfte, derjenige der absolut Armen um 2/3. Die Einkommensunterschiede sind dennoch weiterhin markant: Der Gini-Koeffizient liegt bei 0,53. Das oberste Einkommenszehntel verdient im Durchschnitt 30,19 Mal so viel wie das das unterste Einkommenszehntel. Die Problematik ist auch der Regierung bewusst. Bis 2018 will Präsident Piñera die Armut insgesamt, bis 2014 die absolute Armut beseitigen. Positive Beschäftigungsentwicklung und Rückgang der Arbeitslosigkeit könnten ihm die Aufgabe erleichtern: Die Arbeitslosigkeit, die 2010 noch bei durchschnittlich 8,7% lag, ist 2011 weiter auf 7,1% gesunken.
Struktur der Wirtschaft
Der chilenische Binnenmarkt zählt mit rund 17 Mio. Einwohnern zu den kleineren Märkten der Welt. Klassische Industrieproduktion (Maschinenbau, Fahrzeugbau, Schiffbau, usw.) hat lediglich nachrangige Bedeutung.
Hingegen trug der Bergbau zwischen 2006 und 2010 mit 24,7% zu den Einnahmen des Staates bei. Chile verfügt über die weltweit größten Kupferreserven (ca. 36%) und ist der größte Kupferproduzent der Welt. Auch bei dem an Bedeutung gewinnenden Rohstoff Lithium (u.a. für elektrische Batterien) und anderen wichtigen Naturschätzen liegt es an vorderer Stelle. So nimmt der Andenstaat in der Weltproduktion etlicher mineralischer Rohstoffe eine führende Stellung ein: Kupfer: 34%, Jod: 53%, Lithium: 41%, Rhenium: 44%, Molybdän: 15%. In der Atacamawüste lagern ferner Salzvorkommen, die für mehrere Jahrtausende reichen. Das dort abgebaute Salz ist – wie das Kupfer – ein weiteres wichtiges Exportprodukt Chiles. Zu den gestiegenen Ausfuhren trugen in den letzten Jahren auch die Land-, Fisch- und Forstwirtschaft mit einer breiten Palette an Produkten (Obst, Beeren und insbesondere Wein, Zellulose, Zuchtlachs) bei. Nach der Kupferindustrie ist die Nahrungsmittelindustrie der zweitwichtigste Exportsektor.
In der chilenischen Wirtschaft dominieren kleine und mittlere Unternehmen, die auch den größten Teil der chilenischen Arbeitnehmer beschäftigen. Einen hohen Anteil an der Wertschöpfung hat inzwischen auch der Dienstleistungssektor. Finanz- und Versicherungsdienstleistungen sind – vor allem im regionalen Vergleich – gut entwickelt. Ausländische Unternehmen sind in Chile mit Vertrieb und Service vertreten, etliche aber auch mit Produktionen (Bergbau, Energie, Wasser, Infrastruktur, Banken u.a.m.).
Der Tourismus gewinnt weiter an Bedeutung. Die Zielgruppe ist breit: Sie reicht von Rucksacktouristen bis zu Kreuzfahrtreisenden. Sie soll weiter ausgebaut werden. Ziel der Regierung Piñera ist es, den Anteil des Tourismus am BIP von 3% auf 6% zu steigern.
Als weitere Wachstumsmärkte sind besonders der Bergbau, die Energie- und Wasserwirtschaft, die Nahrungsmittelindustrie, die Agroindustrie und Infrastruktur zu nennen. Die starke Abhängigkeit von der weltweiten Nachfrage nach Rohstoffen bleibt aber eine Achillesferse für die weitere Entwicklung. Die chilenische Regierung versucht durch eine gezielte Innovationsstrategie Forschung und Entwicklung zu stärken, nicht zuletzt um die Wirtschaft zu diversifizieren und nachhaltiger zu gestalten.
Außenwirtschaft
In der Außenwirtschaft setzt Chile den Weg des Abschlusses bilateraler Freihandelsabkommen fort. Mit inzwischen 21 Verträgen, die 58 Länder einbeziehen, hat das Land mehr Freihandelsabkommen geschlossen als jedes andere Land der Welt. Zuletzt trat am 01.03.11 das Freihandelsabkommen mit der Türkei in Kraft.
Chiles Außenhandelsvolumen belief sich 2011 auf 154.75 Mrd. USD. Die Exporte nahmen gegenüber dem Vorjahr um 13,5% zu. Nach wie vor gehen über 60% der chilenischen Ausfuhren nach China, in die EU, USA und nach Japan. Die VR China blieb mit 22,2% wichtigstes Abnehmerland. Demgegenüber verminderten sich die Ausfuhren in die EU leicht (18%). Die VR China war mit einem Handelsvolumen von 17,92 Mrd. USD (+31,7%) weiterhin der wichtigste Handelspartner Chiles. An zweiter Stelle folgt die EU mit 14,56 Mrd. USD.
Die chilenischen Importe nahmen 2011 – wie auch schon 2010 – weiter zu. Die Zuwachsrate von 25,9% übertraf deutlich die Steigerung der Exporterlöse. Hinsichtlich der geografischen Herkunft der Einfuhren lagen die USA mit 20% an erster Stelle, gefolgt von China (17%) und dem MERCOSUR (15,9%). Im Handelsaustausch mit der EU waren wieder Kupfer und Zellulose die wichtigsten Güter. Der chilenische Handelsbilanzüberschuss verringerte sich 2011 um 33% auf 10,62 Mrd. USD.
Was den bilateralen Handel zwischen Chile und Deutschland angeht, so hat er sich 2011 wie folgt entwickelt1:
2011 wurden aus Deutschland Waren im Wert von 2,27 Mrd. EUR (3,1 Mrd. USD) nach Chile eingeführt, was einem Zuwachs von 26% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die chilenischen Exporte nach Deutschland beliefen sich auf 2,0 Mrd. EUR (2,79 Mrd. USD) (plus 25% gegenüber dem Vorjahr). Spitzenplätze bei den deutschen Ausfuhren nach Chile nahmen – wie schon den Vorjahren – Luftfahrzeuge, Pkw, Lkw, Geräte zur Elektrizitätserzeugung sowie Bergbau-, Bau- und Baustoffmaschinen ein. Bei den chilenischen Exportprodukten dominierten weiterhin Kupfer und Kupfererze sowie Frischobst, Zellulose und Wein.
Umwelt-, Energie- und Klimapolitik
Noch unter der Regierung Bachelet wurde in Chile eine umfassende institutionelle Reform der für Umweltschutz und Energie zuständigen Behörden eingeleitet, die unter der Regierung Piñera weiter umgesetzt wurde. Die Schaffung eines Umweltministeriums sowie die Einrichtung einer Umweltevaluationsbehörde und einer Umweltaufsichtsbehörde verdeutlicht den Stellenwert, den die Umweltpolitik inzwischen in Chile erlangt hat. Ein Gesetz zur Schaffung dreier Umweltgerichte (in Antofagasta, Santiago und Valdivia) wurde ebenfalls vom Parlament verabschiedet. Sechs Monate nach der Einrichtung des ersten der drei Gerichte wird dann auch die Umweltaufsichtsbehörde in der Lage sein, ihre Kompetenzen (einschl. der Verhängung von Ordnungsstrafen von bis zu 10 Mio. USD und der Schließung von Anlagen) auszuüben. Geplant ist ferner die Gründung einer Naturschutzbehörde. Ein Gesetzesentwurf, durch den eine "Behörde für Biodiversität und Schutzgebiete" geschaffen werden soll, wird derzeit im Parlament diskutiert. Im Energiebereich kam es zur Gründung eines Zentrums für Erneuerbare Energien sowie einer Energieeffizienz-Agentur.
Chile ist Gründungsmitglied der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA). Die Voraussetzungen für die Nutzung Erneuerbarer Energien sind in Chile in vielerlei Hinsicht besonders günstig. Wasserkraft wird umfassend zur Energieerzeugung genutzt, doch auch Solarkraftwerke und Windenergieprojekte sowie die Verwendung von Biomasse und Erdwärme als Energiequellen werden immer stärker genutzt. Seit dem 01. Januar 2010 müssen gemäß dem 2008 verabschiedeten „Renewable Energy Portfolio Standard“ jährlich 5% des gehandelten Stroms aus nicht-konventionellen erneuerbaren Energien erzeugt werden. 2009 wurde ferner ein Gesetz zur Förderung von Solarkollektoren verabschiedet. Das Gesetz, das seit August 2010 in Kraft ist, sieht Steuerbefreiungen für die Installation von Solarkollektoren in neuen Wohngebäuden vor. In seiner ersten Regierungserklärung hatte Staatspräsident Piñera das Ziel formuliert, bis 2020 den Anteil der „nicht-konventionellen“ erneuerbaren Energieträger (d. h. ohne Wasserkraftwerke, die eine Kapazität über 20 MW aufweisen) von z. Z. rd. 3,3% der installierten Stromerzeugungskapazität auf 20% zu steigern.
Am 12. Januar 2012 präsentierte Staatspräsident Piñera "acht Grundpfeiler" einer energiepolitischen Strategie für die nächsten 20 Jahre. Danach setzt sich die Regierung unter anderem in Bezug auf die Energieeffizienz neue Ziele: Bis 2020 sollen 12%, d.h. 1100 MW des erwarteten Zuwachses beim Energieverbrauch eingespart werden. Erneuerbare Energien sollen weiterhin gefördert, Transparenz und Wettbewerb auf dem Strommarkt gestärkt werden. Bei der Planung von Übertragungsleitungen soll dem Staat künftig eine größere Rolle zukommen.
Die Option einer künftigen Nutzung der Kernenergie zur Energiegewinnung ist - auch nach der Katastrophe von Fukushima – noch nicht vom Tisch; allerdings sollen konkrete Maßnahmen vorerst auf die Aus- und Fortbildung von Technikern und Ingenieuren beschränkt bleiben. Umstritten ist das aus fünf Wasserkraftwerken bestehende Milliardenprojekt HidroAysén in Patagonien, eines der ambitioniertesten Infrastrukturprojekte der chilenischen Geschichte.
Von hoher Bedeutung für das Bergbauland Chile ist weiterhin das nach langer Vorbereitungszeit im November 2011 in Kraft getretene Bergschließungsgesetz. Nachdem Bergwerke in der Vergangenheit nach ihrer Schließung meist diverse Altlasten hinterlassen haben, die zum Teil noch heute erhebliche gesundheitliche Umwelt- und Sicherheitsrisiken nach sich ziehen, hat das neue Gesetz die Wiederherstellung einer lebenswerten Umwelt nach der Stilllegung von Bergwerksanlagen zum Ziel. Es verpflichtet die Bergbauindustrie zur Übernahme von finanziellen Garantien, um die Kosten für die Beseitigung der Altlasten aufzubringen. Hervorzuheben ist, dass es bei einer Förderung von über 10.000 Tonnen im Monat nicht zwischen vor und nach Inkrafttreten des Gesetzes genehmigten Projekten unterscheidet. Weitere erwähnenswerte Neuerungen im Umweltbereich sind die im vorigen Jahr erlassenen Emissionsschutznormen für fossil-thermische Kraftwerke und eine Luftqualitätsrichtlinie. Im 1. Halbjahr 2012 soll auch noch ein modernes Abfallgesetz dem Ministerrat für Nachhaltigkeit vorgelegt und anschließend im Parlament eingebracht werden.
Anfang September 2011 stellte Chile seinen zweiten Nationalen Bericht zum Klimawandel als Teil seiner Verpflichtungen unter der Klimarahmenkonvention vor. Der Andenstaat trägt zwar nur 0,3% zum weltweiten Ausstoß von Treibhausgas-Emissionen bei, doch liegen die CO2-Emissionen pro Kopf mit 4,35 Tonnen über dem Weltdurchschnitt, und es ist weiterhin eine ansteigende Tendenz zu verzeichnen. Chile engagiert sich jedoch unter anderem im multilateralen informellen Cartagena-Dialog zusammen mit anderen Staaten, die wie der Andenstaat das gemeinsame Ziel eines Rechtsabkommens zum Klimaschutz verfolgen.
Aktuelle Wirtschaftsentwicklung / Konjunkturelle Lage
Nach einem realen Wachstum von 5,2% im Jahr 2010 wuchs die chilenische Wirtschaft 2011 um 6,3%.
Für 2012 werden vor dem Hintergrund der Abkühlung der Weltkonjunktur zwischen 3,8% und 4,5% Zuwachs und eine Inflation von 2,9 bis 3,1% erwartet, womit Chile erneut zur Gruppe der führenden Volkswirtschaften Lateinamerikas gehören dürfte. Entscheidend wird sein, welchen Einfluss die weiteren Entwicklungen im Ausland (insbesondere bei den Haupthandelspartnern und auf dem Rohstoffmarkt) auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes im Inland haben werden.
1Destatis
Hinweis
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.
