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Argentinien

Wirtschaft

Stand: Mai 2016

Wirtschaftsstruktur

Argentinien ist mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von über 550 Milliarden US-Dollar weiter die größte Volkswirtschaft des spanischsprachigen Südamerikas. Innerhalb Lateinamerikas sind nur noch Brasilien und Mexiko wirtschaftlich bedeutender. Argentinien verfügt über eine im Regionalvergleich entwickelte Industrie mit der Automobilindustrie (unter Anderem Volkswagen und Daimler) als wichtigster Sparte, die wesentliche Anteile der Produktion nach Brasilien exportiert (bis zu 80% der Produktion).

Die verarbeitende Industrie, Immobilien/Unternehmensdienstleistungen sowie der Handel tragen jeweils rund 10% zum BIP bei. Der Beitrag der reinen Land- und Forstwirtschaft zum BIP liegt bei rund 5%; allerdings wird geschätzt, dass rund 1/3 der Arbeitsplätze direkt oder indirekt (zum Beispiel Transport, Verpackung) im Zusammenhang mit der Agrarindustrie stehen. Auch bei den Exporten dominiert der Anteil der Nahrungsmittel (rund 40%) deutlich vor Auto(teile)-Exporten (um 10%).

Insgesamt ist die Bedeutung des Außenhandels für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung etwas größer als in Brasilien, mit einer Außenhandelsquote von rund 1/4 des BIP, bei einer Exportquote von deutlich über 10%. Bei der Einkommensverteilung liegt Argentinien mit einem Gini-Koeffizienten von rund 45 weltweit weiter im unteren Drittel, ähnlich wie Uruguay, etwas besser als die Nachbarn Brasilien, Chile und Paraguay. Die Armutsquote soll  offiziell unter 5% liegen, unabhängige Institute sprechen teilweise von deutlich über 20%. Seit Ende 2015 soll die Armut zudem nach Angaben mancher Quellen spürbar angestiegen sein. Die Arbeitslosenquote soll bei rund 7% liegen. Angaben über die Entwicklung in den letzten Monaten sind umstritten.

Argentinien ist Mitglied wichtiger internationaler Wirtschaftsorganisationen wie WTO, IWF, Weltbank, G-20, sowie auf regionaler Ebene Mercosur und ALADI. Eine Mitgliedschaft in der OECD wird angestrebt.


Aktuelle Wirtschaftslage

Mit der Wahl von Maurico Macri zum Präsidenten Argentiniens im November 2015 hat sich die Grundausrichtung der Wirtschaftspolitik grundlegend geändert. Nach 12 Jahren protektionistischer Politik unter Néstor und Cristina Kirchner setzt die neue Regierung auf Liberalisierung und Weltmarktintegration. Der Start der neuen Regierung wird durch erhebliche Erblasten der vorangegangenen Regierung (steigende Neuverschuldung, abgeschmolzene Devisenreserven, Einbrüche bei Wachstum, Industrieproduktion, Exporten) und ein international wenig hilfreiches Umfeld erschwert (tiefe Rezession beim Haupthandelspartner Brasilien, Zinswende in den USA, Wachstumsrückgang in China).

Ende 2015/Anfang 2016 hat die Regierung Macri erfolgreich Devisenbeschränkungen gelockert, Importrestriktionen weitgehend außer Kraft gesetzt, Exportsteuern aufgehoben oder abgesenkt (Soja von 35 auf 30%), das Wechselkursregime vereinheitlicht und den Kurs des Pesos freigegeben (Abwertung um 40%). Im April 2016 gelang zudem eine Lösung des seit Jahren schwelenden Konflikts mit einer Gruppe von US-amerikanischen Privatgläubigern.

Die von der Kirchner-Regierung geerbte Inflation ist weiter auf hohem Niveau. Langfristig sinnvolle Maßnahmen wie die Wechselkursfreigabe und der Abbau von Subventionen  - zum Beispiel beim Strom - haben die Teuerung kurzfristig weiter angeheizt. Das von der Regierung zu Beginn des Jahres ausgegebene Ziel von unter 25% erscheint kaum noch erreichbar. Realistisch ist vielmehr ein Wert um 40% für das Gesamtjahr.


Agrar- und Ernährungswirtschaft

Die Landwirtschaft spielt weiterhin eine tragende Rolle: Argentinien ist der elftgrößte Agrar-exporteur und nach Brasilien der weltweit zweitgrößte Agrarnettoexporteur. Der Landwirtschaftssektor kann heute bereits 400 Mio. Menschen ernähren. Argentiniens Landwirtschaft ist stark exportorientiert: Sie stellt über 50% der Ausfuhren.

Mit Abstand wichtigste Anbaukultur auf über 60% der Ackerbaufläche ist die Sojabohne, welche vorwiegend in Direktsaat angebaut wird (Fläche 20 Mio. ha, Ernte 60 Mio. Tonnen). Soja ist das wichtigste Exportprodukt und spielt als wichtiges Futtermittel weltweit eine große Rolle. Argentinien ist Marktführer beim Export von Sojaschrot/mehl (wichtigster Abnehmer ist China) und -öl. Die Regierung Kirchner steuerte die Ausfuhr durch Kontingente und erhob bis zu 35% Exportsteuern auf Agrarprodukte.

Weitere wichtige Produkte sind Getreide, vor allem Mais (über 20 Mio. t) und Weizen (über 10 Mio. t). Die Getreide- und Ölsaatenernte 2014/15 brachte mit etwa 120 Mio. Tonnen einen neuen Rekord. Argentinien ist nach den USA und Brasilien der weltweit fünftgrößte Maisexporteur und kann mittlerweile auch den chinesischen Markt beliefern. Beim Weizenexport ist Argentinien weltweit nicht mehr auf den vordersten Plätzen, viele Landwirte wichen auf Gerste aus.

Bei Milch- und Fischereierzeugnissen, Obst, Rind- und Geflügelfleisch sowie Wein ist das Land sowohl in der Erzeugung wie im Export bedeutend. Mit einem Bestand von ca. 52 Mio. Rindern produziert Argentinien im Jahr ca. 2,7 Mio. Tonnen Rindfleisch (Schlachtgewichtäquivalent). Die Ausfuhren sanken 2015 leicht (ca. 140.000 t). China nimmt mittlerweile doppelt so viel Rindfleisch ab wie Deutschland, allerdings liegt der deutsche Markt wertmäßig nach wie vor an erster Stelle (etwa 250 Mio. USD). Das zollbegünstigte Kontingent der EU für hochwertiges Fleisch von Weiderindern (die sogenannte Hilton-Beef-Quote) wird seit Jahren nicht voll ausgeschöpft. Die großen Hoffnungen der Kirchner-Regierung auf eine Expansion auf dem russischen Markt wurden nicht erfüllt. Russlands Anteil sank mengenmäßig von 16% auf 5% ab.

Verantwortlich für den Rückgang der Ausfuhren waren in erster Linie staatliche Restriktionen, die den Export dämpfen und die Verbraucherpreise im Land niedrig halten sollten. Die Ausfuhr von argentinischem Rindfleisch wurde mit 15% Exportsteuer belastet. Von der neuen Regierung erhofft sich insbesondere der Rindfleischsektor eine Belebung des Exportes.

Die Neuausrichtung der Agrarpolitik (weitgehende Abschaffung der Exportsteuern) der Regierung Macri wird von den meisten Landwirten als Befreiungsschlag gewertet. Verlierer sind die Erzeuger von Schweine- und Geflügelfleisch sowie Biotreibstofferzeuger, da sie nicht mehr in den Genuss der verbilligten Ausgangsprodukte kommen.


Außenhandel

Argentiniens Wirtschaft ist in hohem Maß vom Außenhandel abhängig. Haupteinnahmequelle für Devisenzuflüsse sind die Agrarexporte. Die einheimische Industrie benötigt viele importierte Rohstoffe, Zwischenprodukte und Kapitalgüter.

2014 exportierte Argentinien Waren im Wert von 71,94 Milliarden US-Dollar (-11,9% gegenüber 2013). Im ersten Halbjahr 2015 brachen die Exporte vor allem durch einen Rückgang im Handel mit Brasilien im Jahresvergleich der ersten 6 Monate um 17% ein. Unter den Exportgütern Argentiniens stehen traditionell Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel im Vordergrund. 2013 und 2014 lagen sie mit etwa 60% aller Ausfuhren an der Spitze (in erster Linie Tierfutter, Getreide, Fette und Öle, Ölsaaten und -früchte, Fleisch und Fleischwaren). Industriegüterexporte (vor allem Kfz und Chemie) machten 2014 34% der Ausfuhren aus, Kraftstoffe und Energie 6%.

Auch die Einfuhren sind 2014 deutlich um 11,4% eingebrochen – ein Trend, der sich im ersten Halbjahr 2015 mit einem Minus von 12% fortgesetzt hat. Während Auto-Importe in 2014 den stärksten Rückgang erlebten, waren es im ersten Halbjahr 2015 Treib- und Schmierstoffe.

Der Außenhandelsbilanzüberschuss brach 2014 mit 6,7 Milliarden US-Dollar um 16,5% gegenüber dem Vorjahresergebnis (2013: 8 Milliarden US-Dollar) ein und lag mit gut 1% des BIP auf dem niedrigsten Wert seit vielen Jahren. Das 1. Halbjahr 2015 verzeichnete einen erneuten Rückgang um 65%. Für das Gesamtjahr 2015 dürfte der Saldo mit -3 Milliarden US-Dollar sogar ins Minus abgerutscht sein.

Nach Handelsblöcken unterteilt gingen 2014 28% aller argentinischen Exporte in den Mercosur, 14% an die EU und 9% an NAFTA. Unter den einzelnen Abnehmerländern liegt Brasilien mit 20,7% an erster Stelle, gefolgt von China mit 6,5%. Es folgen USA und Chile mit 5,6% und 4,2%. Bei den argentinischen Importen dominierten 2014 als Lieferländer eindeutig Brasilien mit 22% und China mit 16,5%, gefolgt von den USA mit 13,7%. Die EU stellte 2014 18% aller argentinischen Importe.

Deutschland rangiert weiter als viertwichtigstes Herkunftsland argentinischer Importe und liegt unter den Bestimmungsorten für argentinische Exporte auf Rang neun. Der deutsche Außenhandel mit Argentinien ist im ersten Halbjahr 2015 geschrumpft, allerdings weniger als der gesamte argentinische Außenhandel und auch der argentinische Außenhandel mit der EU insgesamt. Sowohl Deutschland als auch die EU wiesen in diesem Zeitraum einen Überschuss gegenüber Argentinien von etwas über 1 Milliarde US-Dollar auf.


Öffentliche Finanzen

Die Neuverschuldung soll bis Ende 2015 auf rund 7% des BIP angestiegen sein. Die Umsetzung der Wahlversprechen der neuen Regierung (namentlich Aufhebung der Exportsteuern) hat den Druck auf der Einnahmenseite kurzfristig weiter erhöht. Die Regierung hofft aber durch höhere Steuereinnahemen als Folge der erleichterten Exportmöglichkeiten sowie durch Kürzung von Subventionen (namentlich im Energiebereich) die Verschuldung in 2016 geringfügig zurückführen zu können.

Die Devisenreserven der argentinischen Zentralbank sind im Laufe des Jahres 2015 weiter abgeschmolzen und werden zu Beginn des Jahres 2016 offiziell auf rund 25 Milliarden US-Dollar beziffert, die kurzfristig liquiden Mittel dürften aber weitaus geringer sein (bei jährlichen Importen von über 60 Milliarden US-Dollar). Die Regierung hat zugesagt, dem IWF Einblick in die Bilanzen der Zentralbank zu gewähren.

Argentinien hat seit Herbst 2013 schrittweise eine Wiederannäherung an die internationalen Finanzmärkte und -institutionen eingeleitet: So entschädigte die Regierung unter Cristina Kirchner das spanische Energieunternehmen Repsol für dessen enteignete Anteile an der argentinischen YPF (5 Milliarden US-Dollar), lenkte in 5 Fällen vor dem Investitionsschiedsgericht der Weltbank (ICSID) ein und schloss mit staatlichen Gläubigern im Pariser Club am 29.05.2014 eine Rückzahlungsvereinbarung ab. Insgesamt sind an alle Gläubiger zusammen über fünf bis sieben Jahre 9,7 Milliarden US-Dollar zu zahlen. Der entsprechende bilaterale Vertrag mit Deutschland (Volumen circa 2,6 Millarden Euro) wurde Anfang 2015 unterzeichnet. Die Abkommen wurden bisher pünktlich umgesetzt; die nächste Rate ist zum 30.05.2016 fällig.

Nach nur wenigen Monaten im Amt erzielte die Regierung Macri eine Lösung zu den Forderungen der sogenannten "holdouts" - 7% der Gläubiger von argentinischen Staatsanleihen der Jahre 2001/2002, die auf die beiden Umschuldungsangebote von 2005 und 2010 (mit über 70% Abschlag) nicht eingegangen waren. Einige Hedgefonds hatten Argentinien vor dem zuständigen New Yorker Gericht verklagt und auf voller Zahlung des Nominalbetrags der Anleihen bestanden. Das Gericht entschied Mitte 2014, dass die argentinische Regierung die Schulden gegenüber den Hedgefonds in voller Höhe (1,45 Milliarden US-Dollar inklusive Zinsen) zu zahlen habe und zwar bevor die anderen, umschuldungswilligen Schuldner bedient werden durften. Seither konnten die – zuvor immer pünktlich geleisteten - Zinszahlungen an die Gläubiger, die die Umschuldungsangebote akzeptiert hatten, nicht mehr von den US-Banken ausbezahlt werden.

Die Regierung Macri unterbreitete den "holdouts" im Februar 2016 ein neues Angebot, auf das sich die wichtigsten unter ihnen letztlich einließen. Nachdem Argentinien Ende April diese Einigung durch Zahlung von circa 9 Milliarden US-Dollar umgesetzt hatte, wurde die einstweilige Verfügung von Mitte 2014 aufgehoben und Argentinien konnte den Status der technischen Zahlungsunfähigkeit verlassen.


Energie

Argentiniens Primärenergiebedarf wird zu 88% von fossilen Trägern gedeckt (51% Gas, 37% Erdöl). 2014 stieg der Elektrizitätsverbrauch um 3,3% auf 135.956 GWh. Der Energiemix setzte sich aus 73% Wärmekraft (fossile Treibstoffe), 23% Wasserkraft, 3% Nuklearenergie und 0,5% erneuerbaren Energien zusammen.

Das Außenhandelsdefizit bei Energieträgern (2014: 6,5 Milliarden US-Dollar) verzeichnete aufgrund international sinkender Erdölpreise im ersten Halbjahr 2015 einen starken Rückgang, man geht aber von einem erneuten Defizit in Höhe von 4,5 bis 5 Milliarden US-Dollar per Ende des Jahres aus.

Das Land, bis 2007 Netto-Energieexporteur, ist trotz vielversprechender Rohstoffvorkommen – vor allem bei Schiefergas und -öl (hier nimmt Argentinien Platz 2 und 4 der weltweiten Vorkommen ein), weiterhin auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen, um die wachsende Nachfrage (+2,3% jährlich) zu decken. Importiert werden hauptsächlich Flüssiggas (Kauf über internationale Ausschreibungen), Dieselöl aus Venezuela, Erdgas aus Bolivien und zunehmend Strom aus Uruguay. Experten gehen davon aus, dass über 90 Milliarden US-Dollar in den nächsten acht Jahren investiert werden müssten, um dieses Energiedefizit wieder aufzuheben.

Argentinien setzt weiter auf die Nuklearenergie; die nukleare Energieerzeugung deckt etwa 10% der gesamten Stromnachfrage. Sowohl China wie auch Russland unterzeichneten mit der Regierung in den letzten Monaten Absichtserklärungen, die Möglichkeiten gemeinsamer Vorhaben zum Bau von Wasser- und Kernkraftanlagen sowie zur Förderung von Schiefergas eröffnen.

Der Ausbau von erneuerbaren Energien für die Stromerzeugung geht nur zögernd voran. Von den im Jahre 2010 ausgeschriebenen 32 Projekten (gesamt circa 900 MW, davon 85% Windenergie) sind bis dato nur Anlagen über insgesamt 138 MW ans Netz gegangen (130 MW Wind, 7 MW Fotovoltaik und 1 MW Wasserkraft).


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