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Wirtschaft
Stand: Januar 2013
Anmerkung:
Es erfolgte eine Teilaktualisierung im Januar 2013, die übrigen Daten geben den Stand zu September 2012 wieder. Da die offiziellen Jahresdaten erst im Laufe des 2. Quartals vorliegen, erfolgt die Aktualisierung der gesamten Wirtschaftsdaten voraussichtlich im Mai 2013.
Nach derzeit vorliegenden Angaben geht die argentinische Regierung für 2012 von einem geschätzten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Höhe von etwa knapp über 2% aus, legt den Berechnungen allerdings eine vom nationalen Statistikinstitut INDEC auf 10,8% bezifferte Jahresinflation zugrunde. Seit INDEC Anfang 2007 unter Regierungsaufsicht gestellt und die Berechnungsgrundlagen verändert wurden, werden die offiziellen Zahlen von privaten Wirtschaftsinstituten und internationalen Organisationen – u.a. dem IWF - in Zweifel gezogen. Die Inflationsschätzungen privater Wirtschaftsinstitute für 2012 liegen im Durchschnitt bei 25,6%. Folgerichtig gehen sie auch von einem deutlich geringerem BIP-Wachstum oder gar Rückgang aus, die Angaben schwanken je nach Quelle zwischen -0,3% und +1%.
Gestützt auf eine Politik drastischer Importbeschränkungen für die Privatwirtschaft erreichte die Regierung, trotz weiterhin steigender staatlicher Energieimporte, 2012 ihr Ziel eines Anstiegs im Handelsbilanzüberschuss. Mit einem positiven Saldo von ca. 12,66 Mrd. USD lag das Ergebnis etwa 22% über dem Vorjahreswert.
Struktur der Wirtschaft
Argentinien ist die wichtigste Volkswirtschaft des spanischsprachigen Südamerikas und liegt innerhalb Lateinamerikas nach Brasilien und Mexiko auf dem dritten Rang.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2011 betrug 445,7 Mrd. USD (2010: 368,7 Mrd. USD) und das Pro-Kopf-Einkommen 11.005 USD (2010: knapp 9.200 USD)
Handel und Dienstleistungen trugen 53,5% (2010: 54,2%) zum BIP bei, die Industrieproduktion 18,9% und das Baugewerbe 5,3%. Der argentinische Bankensektor ist weitgehend vom internationalen Finanzmarkt abgekoppelt und hat dadurch sowohl 2008/2009 als auch 2011 nur geringfügig unter der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise gelitten. Argentinien verfügt über wichtige Ressourcen an Rohstoffen im Agrarbereich und bei Mineralien. Die Land- und Forstwirtschaft trug 2011 9,7% (2010: 9,2%) zum BIP bei. Der Bergbau gilt als eine der wichtigen Zukunftsbranchen mit einer Beteiligung am BIP von bereits knapp über 3% und hohem Wachstumspotenzial für die kommenden Jahre.
Argentinien ist Mitglied wichtiger internationaler Wirtschaftsorganisationen wie WTO, IWF, Weltbank, G-20, sowie auf regionaler Ebene Mercosur und ALADI.
Aktuelle Wirtschaftslage
Das Wachstum 2011 betrug nach amtlichen Statistiken 8,9% (2010: 9,2%). Private Analysten gehen von ca. 7% aus (2010: ca. 8,1%). Argentinien hat 2011 somit nach einem kurzen Einbruch während der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 (amtliche Statistik +0,9%, private Schätzungen ca. -3%) wieder zu den hohen Wachstumsraten der Jahre 2003-2008 (zwischen 6,8 und 8,5%) gefunden.
Für 2012 sah die Regierung ein BIP-Wachstum von 5,1% vor, der Haushaltsentwurf für 2013 setzt +4,4% an. Nach Angaben des Statistikamts INDEC wuchs das BIP im 1. Halbjahr 2012 um 2,5%. Private Analysten und internationale Wirtschaftsorganisationen erwarten für das laufende Jahr lediglich einen Zuwachs von ca. 1,5% und für 2013 ca. 3,9%.
Für die Industrieproduktion 2011 errechnete das amtliche Statistikinstitut INDEC ein Wachstum von 6,5% (2010: 10,2%), wobei die Aktivität zu Jahresende nachließ.
Innerhalb der ersten 7 Monate 2012 verzeichnet INDEC einen Rückgang der industriellen Aktivität von 0,8%, private Wirtschaftsforscher gehen im Einklang mit dem Industrieverband UIA von ca. -2% aus. Ursache ist in erster Linie der starke Einbruch der bis kurz vor Ende 2011 boomenden Kfz-Branche, die in den vergangenen Jahren wichtigster Wachstumsmotor war, im Zeitraum Januar-Juli 2012 aber um 12,4% fiel. Ein deutlicher Nachfragerückgang des wichtigsten Absatzmarkts Brasilien - in einer mit 60% Ausfuhrquote sehr exportabhängigen Branche - gepaart mit einer erstmals seit 2009 stagnierenden Inlandsnachfrage verursachten diesen Rückgang. Verluste erlitten auch die metallverarbeitende Industrie (-5,3%) und Erdölraffinerie (-1,1%). Positiv entwickelten sich Chemie (+5,2%), Baustoffe (+3,4%), Nahrungsmittel (+2,8%) sowie Papier und Pappe (+2,4%), während die stark geschützte Textilindustrie mit -0,1% stagnierte. Die Julizahlen zeigen jedoch eine leichte Trendwende, je nach Branche mit leichten Erholungen gegenüber Juni bzw. geringeren Verlusten im Vergleich zum Vorjahresmonat. Zusammen mit der sich erholenden PKW-Nachfrage aus Brasilien bestehen Aussichten auf eine Steigerung der Produktion für das 2. Halbjahr 2012.
Die Auslastung der Industriekapazitäten lag Ende 2011 mit durchschnittlich 81,9% sehr hoch. Dennoch zeichnen sich keine höheren Investitionen zur Kapazitätserweiterung ab. Zu Juli 2012 lag die durchschnittliche Auslastung nur noch bei 71,3% (Juli 2011: 75,7%), ähnliche Werte wurden zuletzt während der Wirtschaftskrise Ende 2008 / 2009 verzeichnet.
Nach einem Boom des privaten Konsums in den letzten Jahren zeigen die Konsumenten 2012 infolge unsicherer Zukunftserwartungen sowie teils ausgeschöpfter Kreditrahmen mehr Zurückhaltung, diese wird verstärkt durch stagnierende oder sinkende Realeinkommen vieler Verbraucher.
Nach Angaben der staatlichen Statistik-Agentur INDEC lag die Inflationsrate im Jahresvergleich Ende 2011 bei 9,5% (2010: 10,9%). Seit INDEC Anfang 2007 unter Regierungsaufsicht gestellt und die Berechnungsgrundlagen verändert wurden, werden die offiziellen Zahlen von privaten Wirtschaftsinstituten und internationalen Organisationen in Zweifel gezogen. Deren Schätzungen für 2011 liegen bei ca. knapp 23% (2010: ca. 25%). Für 2012 wird mit ähnlichen Werten gerechnet. Die hohe Inflation schlägt sich in den letzten Jahren in den Abschlüssen der Tarifrunden nieder, bei denen die mächtigen Gewerkschaften meist Erhöhungen noch deutlich oberhalb der realen Inflationsraten erzielen konnten, wobei die Tarifvereinbarungen der einiger Branchen 2012 unter der erwarteten Inflationsrate liegen.
Nachdem sich die argentinische Industrie nach der starken Abwertung in der Wirtschaftskrise 2002 zunächst gut positionieren konnte, hat sie im regionalen und internationalem Vergleich mittlerweile aufgrund stark gestiegener Lohnstückkosten bei gleichzeitig relativ stabilem Wechselkurs und ohne nennenswerte Produktivitätssteigerung deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Die Regierung reagiert darauf mit zunehmendem Protektionismus und bekennt sich ausdrücklich zum Ziel, Industriegüterimporte soweit wie möglich durch nationale Produkte zu substituieren.
Die offizielle Arbeitslosenrate Ende 2011 liegt bei 7,2% (2010: 7,3%). Außerdem werden in den öffentlichen Statistiken noch weitere ca. 8,8% als „teil- oder unterbeschäftigt“ geführt, (Ende 2010: 8,8%). Beide Werte beziehen die Empfänger von Sozialleistungen nicht ein. Mit ca. 35-40% liegt der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung im informellen Sektor – dessen Entlohnung meist nicht mit der Inflation Schritt hält - noch immer auf hohem Niveau, besonders in ländlichen Gegenden. Im Verhältnis zum hohen BIP-Wachstum sank die Arbeitslosenrate in den letzten Jahren nur mäßig, neue Arbeitsplätze entstanden vor allem im öffentlichen Dienst (+27% von 2008-2012 gegenüber +9% im Privatsektor). Der Rückgang in Industrie und Handel im laufenden Jahr, zumindest in einigen Branchen (Kfz, Schlachthöfe und Bau), und damit verbundene Kurzarbeit, Zwangsurlaube und Nichtbesetzung freiwerdender Stellen in der Privatwirtschaft führten im 2. Quartal 2012 zu einem leichten Anstieg der Arbeitslosenrate um 0.1 Prozentpunkte von 7,1% (1. Quartal) auf 7,2%, die Rate der Unterbeschäftigten stieg dagegen stärker und erreichte 9,4%.
2011 lebten nach offiziellen Angaben ca. 8,3% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze (2010: 9,9%) und 2,4% unter der Elendsgrenze (2010: 2,5%). Die katholische Kirche und zahlreiche NROs schätzen die Armutsrate allerdings deutlich höher und gehen davon aus dass über 30% der Bevölkerung nicht über ausreichende Einnahmen zur Lebenshaltung verfügt. Sie sehen aber eine leichte Besserung u.a. durch neue staatliche Beihilfen wie beispielsweise das Ende 2009 eingeführte Kindergeld für Arbeitslose oder Geringverdiener und gehen für 2011 von einem Rückgang der Armutsrate auf 13,6% (2010: 17,1%) und der Bevölkerung mit Einkommen unterhalb der Elendsgrenze im gleichen Zeitraum auf 3,3% (2010: 5,2%) aus. Hauptursache der Differenzen zu den INDEC-Werten ist die starke Abweichung im Wert des Grundbedarfswarenkorbs als Folge der Unterschiede in der Inflationsberechnung.
Die Bruttoanlageinvestitionen lagen 2012 im internationalen Vergleich mit einer Quote von mehr als 22% des BIP hoch, nachdem sie 2009 krisenbedingt leicht auf ca. 21% zurückgegangen waren. Im ersten Halbjahr 2012 liegt die Rate bei 21,5%.
Allerdings ist hierbei der Anteil der Investitionen im Baubereich sehr hoch. Es mangelt an Investitionen zum Ausbau der Industrie- und Energieproduktion. Staatliche Vorhaben konzentrieren sich vorrangig auf Bau, Infrastruktur und den Energiesektor .
Landwirtschaft
Die Landwirtschaft spielt weiterhin eine tragende Rolle in Argentinien. Sie ist stark exportorientiert und kann heute bereits 400 Mio. Menschen ernähren. Argentinien ist nach Brasilien der weltweit zweitgrößte Agrarnettoexporteur. Der Wert der Agrarausfuhren konnte im Vergleich zum Vorjahr um 30% gesteigert werden. Mit über 47 Mrd. USD entfallen auf den Agrarsektor ca. 56% der Gesamtausfuhren des Landes. Die Regierung steuert die Ausfuhr durch Kontingente und erhebt bis zu 35% Exportsteuern („retenciones“) auf Agrarprodukte. Die Landwirte klagen über mangelnde Rentabilität. Der nach den Parlamentswahlen in 2011 neu benannte Landwirtschaftsminister Yauhar setzt verstärkt auf Dialog mit den Agrarverbänden.
Die Ernte 2010/2011 (rd. 105 Mio. t) war sehr gut. Die Ernte 2011/12 (ca. 90 Mio. t) lag dagegen trockenheitsbedingt ca. 14% unter der des Vorjahres.
Mit Abstand wichtigste Anbaukultur auf über der Hälfte der Ackerbaufläche war die Sojabohne (fast ausschließlich genveränderte Sorten ohne Akzeptanzprobleme im Land) und in Direktsaat angebaut.(rd. 40 Mio. t). Argentinien ist beim Export von Sojaöl, -mehl und aus Soja hergestelltem Biodiesel Weltmarktführer.
Weitere wichtige Produkte sind Getreide (vor allem Mais und Weizen, je ca. 21 und 13 Mio. t), Milch- und Fischereierzeugnisse, Obst, Rindfleisch und Wein. Argentinien ist nach den USA der weltweit größte Maisexporteur und kann ab 2012 auch den chinesischen Markt beliefern. Beim Weizenexport liegt Argentinien weltweit auf Platz 6.
Die derzeit festen Weltmarktpreise werden jedoch dazu beitragen, dass viele Betriebe gute Ergebnisse erzielen.
Mit einem Bestand von ca. 49 Mio. Rindern produziert Argentinien rd. 2,6 Mio. t Rindfleisch (Schlachtgewichtäquivalent). Argentinische Verbraucher schränken ihren Verzehr ein: innerhalb von zwei Jahren sank der Pro-Kopf-Verbrauch von 68 auf 52 Kilo.
Der Rindfleischexport (2011 erreichte er 1,49 Mrd. USD) ist mengenmäßig rückläufig. Verantwortlich hierfür sind in erster Linie staatliche Kontrollmaßnahmen, die den Export dämpfen und Verbraucherpreise im Land niedrig halten sollen. Die Ausfuhr von argentinischem Rindfleisch wird mit 15% Ausfuhrsteuer belastet.
Deutschland blieb für argentinisches Rindfleisch mit einem wertmäßigen Anteil von etwa 23% (rd. 350 Mio. USD) an den gesamten Rindfleischausfuhren wichtigster Absatzmarkt in 2011. Die Hilton-Beef-Quote (für hochwertiges Fleisch von Weiderindern) wurde zum 4. Mal in Folge nicht ausgeschöpft.
Argentinien setzt weiter auf Gentechnik, weitere Zulassungen (u.a. für Soja von Bayer und Monsanto) wurden erteilt. Bei der Klonierung von Tieren rangiert Argentinien auf Platz 2 nach den USA. Die bodenschonende und wassersparende Direktsaat ist weiter auf dem Vormarsch. Präsidentin Kirchner persönlich stellte im September 2011 den ehrgeizigen Strategieplan Landwirtschaft 2020 vor. Er sieht Steigerungen der landwirtschaftlichen Erzeugung von rd. 50% bis zum Jahr 2020 vor. Argentinien könnte dann - nach Aussagen des Landwirtschaftsministeriums - 600 Mio. Menschen ernähren.
Seit 2007 verfügt Argentinien über gesetzliche Regelungen zur Erzeugung und Verwendung von Biotreibstoffen. Dies hat bedeutende Investitionen in die Produktion von Biodiesel aus Soja ausgelöst, insbesondere für den Export in die EU, aber auch zur Beimischung in herkömmlichen Diesel für die heimische Verwendung. 2011 ist Argentinien mit einer geschätzten Produktion von 2,4 Mio. t nach Deutschland und Frankreich drittgrößter Erzeuger, und mit einem Export von 1,5 Mio. t größter Exporteur von Biodiesel. Der in die EU exportierte Biodiesel muss seit dem 01.01.2011 die Nachhaltigkeitsregelungen nach der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie 2009/28/EG vom 23.04.2009 erfüllen. Daraus resultieren vielfältige Aktivitäten zur Zertifizierung, auch für deutsche Unternehmen. Die im August 2012 verhängte Exportsteueranhebung und die Absenkung des Inlandpreises setzen der weiteren Produktion jedoch enge Grenzen.
Nach dem im Dezember 2011 verabschiedeten Gesetz zur Regelung des Landbesitzes dürfen künftig höchstens 15% der landwirtschaftlichen Nutzfläche an ausländische Personen oder Unternehmen übergehen. Ein ausländischer Käufer darf künftig maximal 1.000 Hektarlandwirtschaftlicher Fläche erwerben. In der bilateralen Handelsbilanz blieb der Import argentinischer Agrar- und Ernährungsgüter nahezu unverändert bei knapp 890 Mio. €, der Export aus Deutschland nahm auf niedrigem Niveau zu: der Exporterlös stieg von 17 Mio. € auf 23 Mio. € .
Der Besuch von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (im August 2012) mit Abgeordneten des Bundestages und Vertretern der Agrar- und Ernährungsindustrie hat zu einer Vertiefung der guten agrarpolitischen Beziehungen geführt.
Außenhandel
Das Außenhandelsvolumen Argentiniens 2011 ist gegenüber 2010 um knapp 27% gewachsen und beträgt 158,2 Mrd. USD. Wie im Vorjahr wuchsen die Importe mit 31% (73,9 Mrd. USD; 2010: 56,4 Mrd. USD) stärker als die Exporte 23% (84,3 Mrd. USD; 2010: 68,5 Mrd. USD), wobei zunehmende Importkontrollen und -beschränkungen der Regierung den Anstieg der Einfuhren vor allem zu Jahresende künstlich niedrig hielten.
Der Außenhandelsüberschuss ging um 14% gegenüber Vorjahresniveau auf 10,35 Mrd. USD (2010: 12,06 Mrd. USD) zurück. Durch die seit Februar 2012 immer strikteren Importrestriktionen hat sich das Panorama gewandelt. In den ersten sieben Monaten des Jahres wurde bereits ein Überschuss von 7,34 Mrd. USD erzielt, über 70 % der angestrebten Jahresmarke und 26% über dem kumulierten Wert im gleichen Vorjahresmonat. Während die Ausfuhren im ersten Halbjahr 2012 wertmäßig um 1,1% sanken., gingen die Einfuhren um 5,7% zurück. Eine Lockerung der Importrestriktionen ist vorerst dennoch nicht in Sicht.
Wichtigster Empfänger der Einfuhren ist das verarbeitende Gewerbe: Investitionsgüter sowie deren Ersatzteile und Zubehör – meist zum Erhalt bereits bestehender Produktionskapazitäten – stellten 2011 39% aller Importe; industrielle Zwischenprodukte weitere 29%.
Experten gehen davon aus, dass Argentiniens Industrie aufgrund der noch hohen Importabhängigkeit für jeden Prozentpunkt des BIP-Wachstums einen Anstieg der Importe um 3 Prozentpunkte benötigt.
Lediglich 11% aller Einfuhren entfallen auf Konsumgüter, während die stetig steigende Einfuhr von Brennstoffen bereits 13% (2010: 8%) ausmacht. Auf die Einfuhr von PKW entfallen 8% aller Einfuhren.
Unter den Exportgütern Argentiniens ragen traditionell Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel mit 56% aller Ausfuhren hervor (in erster Linie Fette, Öle und Tierfutter, Getreide, Fleisch und Fleischwaren sowie Soja). Unter den Industriegüterexporten (2011: 34,6%) dominieren vor allem Kfz und Zubehör, es folgen mit deutlichem Abstand chemische Produkte und Metallwaren.
Mit Abstand wichtigster Handelspartner ist der Mercosur, wohin 2011 25,2% aller argentinischen Exporte gingen und aus dem 31,2% aller Einfuhren bezogen wurden. Dabei dominiert der Handel mit Brasilien (Exporte 21%; Importe knapp 30%). Bei den Exporten folgte Asien mit 21,4% (2010: 24%), vor EU (16,9%) und NAFTA (9,2%). Ähnlich ist das Bild bei den Einfuhren: Asien 23,6%, EU 15,7% und NAFTA 14,8%. Deutschland liegt auf 4. Rang bei der Herkunft der argentinischen Importe und auf Rang 7 der Zielländer argentinischer Exporte.
Die seit Anfang 2012 verschärften Importkontrollen haben in erster Linie den Handel mit Brasilien beeinträchtigt. Die Einfuhren aus Brasilien gingen im ersten Halbjahr um 15,7% zurück, die Ausfuhren ins Nachbarland um 9,1%. Die EU dagegen konnte ihre Ausfuhren nach Argentinien in den ersten 6 Monaten des Jahres um 12,6% steigern, während die argentinischen Exporte in die EU um 24,1% zurückgingen. NAFTA verzeichnete sowohl bei Ein- als auch Ausfuhren eine leichte Steigerung von über 3%. Während die arg. Exporte nach China um 3,8% wuchsen, sanken die Einfuhren aufgrund der Importbeschränkungen um 7,4%.
Finanzielle Situation
Nach einem geringen Fiskalüberschuss 2010 schloss das Haushaltsjahr 2011 mit einem Fiskaldefizit von 7,12 Mrd. USD (1,6% des BIP) – dem zweiten seit 2009 und höchsten seit Antritt der Kirchnerregierungen 2003.
Die zu Ende 2011 fälligen Zinszahlungen überstiegen um 74,5% den Vorjahreswert. Ursache hierfür sind ein Anstieg der Staatsschulden sowie die aufgrund der offiziellen Wachstumsraten von über 9% fälligen erhöhten Ausschüttungen der ans BIP gebundenen Coupons. Geringere Überweisungen der Zentralbank wegen Gewinnrückgang verschärften die Situation.
Der Primärüberschuss 2011 betrug 1,14 Mrd. USD –ca. 0,28% des BIP-, gestützt durch Sonderzahlungen der Zentralbank (2,43 Mrd. USD) und der Rentenversicherung ANSES (2,59 Mrd. USD). Dabei stiegen die Staatsausgaben um 32,15% auf 99,89 Mrd. USD, die Einnahmen wuchsen um 24,1% auf 101,02 Mrd. USD.
Innerhalb der letzten 9 Jahres steigerte sich der Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt von 28% des BIP 2003 auf ca. 45% im laufenden Jahr, das einen Zuwachs von ca. 35% gegenüber 2011 erwarten lässt.
Nach den Wahlen im Oktober 2011 bremste die Regierung die Ausgabenentwicklung in den letzten beiden Monaten des Jahres und kündigte für 2012 zahlreiche Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung an, so z.B. die Verringerung von Subventionen auf Strom, Gas, Wasser und Transport sowie die Streichung von Sonderzahlungen für Staatsbedienstete. Nach Protesten der Bevölkerung und sinkender Popularität der Regierung in Umfragen wurden diese Maßnahmen allerdings nur bruchstückhaft umgesetzt. Deutlich wird dies am weiteren Anstieg der Subventionen bis Ende Juli 2012 um 21,9%, vor allem im Verkehrswesen.
Der Zuwachs der Steuereinnahmen 2012 um ca. 25% gegenüber Vorjahr beruht großteils auf fehlender oder unzureichender Anpassung der Bemessungsgrenzen, sowie später oder nicht erfolgter Rückzahlung von Steuerguthaben. Der Anteil der Steuereinnahmen am gesamten Bruttoinlandsprodukt ist innerhalb der letzten 9 Jahre von 20,8% auf 36,5% gestiegen, somit weniger als die Ausgaben.
Wirtschaftsforscher erwarten zu Ende 2012 ein Fiskaldefizit von etwa 9-10 Mrd. USD, das entspricht etwa 3% des BIP.
Um den Devisenbedarf zu decken, führt die Regierung immer striktere Kontrollen und Restriktionen auf Devisenerwerb und Auslandsüberweisungen ein. Hiervon sind auch in Argentinien ansässige ausländische Unternehmen betroffen; so sind z.B. Zahlungen von Dividenden oder Patentrechten derzeit fast vollständig unterbunden. Für Privatleute ist der Erwerb von Devisen für Auslandsreisen extrem erschwert und für andere Zwecke fast vollständig unterbunden worden.
Eine Rückkehr an die internationalen Kapitalmärkte könnte mittelfristig erforderlich werden, zeichnet sich aber nicht unmittelbar ab. Das lange geplante zweite Umschuldungsangebot an die Altgläubiger argentinischer Staatsanleihen wurde im Juni und Dezember 2010 weitgehend erfolgreich durchgeführt. Insgesamt konnten rund 94% aller infolge des Staatsbankrotts ausstehenden Verbindlichkeiten seit 2002 geregelt werden.
Konfliktpotenzial besteht noch mit den Gläubigern, die bislang keines der beiden Umschuldungsangebote akzeptiert haben (sog. „holdouts“). Diese liegen zum großen Teil im Besitz von Hedge-Fonds, die die Papiere erst nach Erklärung des Staatsbankrotts erwarben. Ende 2012 urteilte ein New Yorker Gericht zunächst zugunsten dieser Gläubiger und verpflichtete Argentinien zu Zahlungen in voller Höhe. Argentinien legte Berufung ein, ein endgültiges Urteil wird voraussichtlich Ende Februar 2013 ergehen.
Den steigenden Finanzbedarf deckt die Regierung aus internen Quellen, so z.B. Abschöpfung aller Gewinne der Zentralbank und zusätzliche Sonderzahlungen zu Lasten der Zentralbank, Zugriffen auf die staatliche Rentenkasse ANSES für ressortfremde Zwecke sowie durch Platzierung von Schatzbriefen in verschiedenen staatlichen Organismen (z.B. staatliche Rückversicherungsgesellschaft INDER).
Die guten Ernteprognosen für 2012/13 bei weiterhin hohen Weltmarktpreisen für Agrarprodukte, gepaart mit geringeren Fälligkeiten von Auslandsverbindlichkeiten werden der Regierung 2013 finanziell einen größeren Handlungsspielraum als 2012 verschaffen.
Für die noch ausstehenden Schulden im Rahmen des Pariser Clubs steht eine Lösung im Rahmen der seit Ende 2010 laufenden Verhandlungen weiter aus. Die Gläubiger warten auf ein Angebot der argentinischen Regierung.
Im Rahmen der - ebenfalls Ende 2010 - vereinbarten technischen Zusammenarbeit mit dem IWF fanden im Dezember 2010 und im April 2011 offizielle Besuche von IWF-Delegationen mit dem Ziel statt, gemeinsam mit der argentinischen Regierung die Methodik des nationalen Statistikamtes INDEC für die Berechnung des nationalen Konsumentenpreisindex zu überarbeiten und somit den Preisindex und die Berechnung des BIP-Wachstums auf eine solide Grundlage zu stellen. Die Umsetzung der IWF-Empfehlungen durch die argentinischen Organe verläuft sehr schleppend. Dadurch riskiert Argentinien - als weltweit erstes Land - aufgrund unzuverlässiger öffentlicher Statistiken bald mögliche Sanktionen des IWF, die im Extremfall zu einem Ausschluss führen und jeglichen Zufluss neuer internationaler Kredite unterbinden könnten. Der IWF hat angekündigt, sich Anfang Februar 2013 zur Qualität der übermittelten Statistiken zu äußern und behält sich mögliche Sanktionen vor. Einige IWF-Studien benutzen bereits private Berechnungen der Preisindices und des BIP-Wachstums.
In der Wechselkurspolitik erwartet man weitgehende Kontinuität; d.h. die kontrollierte leichte Abwertung des ARS gegenüber dem USD, die sich allerdings 2012 gegenüber den Vorjahren beschleunigt hat. Unter anderem durch Devisenmarktinterventionen der Zentralbank hat der Kurs des Peso in 2011 um 8% (2010: knapp 5%) gegenüber dem Dollar abgewertet, 2012 wertete der Peso um 14% ab. Zum 30.12.2012 lag der Wechselkurs bei 4,918 ARS/USD. (Ende 2011: 4,304 ARS/USD). Die scharfen Restriktionen auf Devisenerwerb haben den Schwarzmarkt stark wachsen lassen, dessen Wert liegt derzeit um 35-40% über dem offiziellen Wechselkurs.
Die Devisenreserven sind nach einem Rekordhoch von 52 Mrd. USD zu Jahresanfang 2011 aufgrund zunehmender Kapitalabflüsse deutlich gesunken und lagen zum 31.12.2011 bei 46,3 Mrd. USD. Trotz starker USD-Käufe der Zentralbank zwecks Stabilisierung des Wechselkurses sind die Devisenreserven zum 31.12.2012 - nicht zuletzt durch die fällige Auszahlung der Schatzbriefe „Boden 2012“ - auf 43,29 Mrd. USD gesunken.
Energiepolitik
Argentinien verfügt über umfangreiche fossile Energievorkommen und großes Potenzial für erneuerbare Energien, hat aber bislang keine umfassende nationale Energiestrategie entwickelt. Die erschlossenen Öl- und Gasvorkommen decken nur noch für wenige Jahre den Eigenbedarf. Von der Energieknappheit und der steigenden Abhängigkeit von teuren Gasimporten unter Druck gesetzt, hat die Regierung beschlossen, ihre Kontrolle auf den Energiebereich zu verstärken. Sichtbarer Ausdruck ist die Teilverstaatlichung des argentinischen Energiekonzerns YPF durch Übernahme von 51% der YPF-Aktien aus dem Aktienpaket der spanischen Firma Repsol, die im April 2012 weltweit Aufsehen erregte.
Die staatlichen Eingriffe und mangelnde Investitionsanreize behindern aber weiterhin die Erschließung neuer Quellen.
Langfristig versucht ARG, die Energiematrix zu erweitern: Zum einen setzt die Regierung ein Nuklearprogramm um, zum anderen hat sie ein Programm zum Ausbau von erneuerbaren Energien (GENREN) beschlossen. Die Stromversorgung aus erneuerbaren Energien soll von derzeit 1% bis zum Jahr 2016 auf 8% steigen.
Argentinien ist Gründungsmitglied der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien IRENA.
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