Hauptinhalt

Äthiopien

Wirtschaft

Stand: Oktober 2016

Kurzcharakterisierung

Äthiopien ist bei etwa 99,3 Millionen Einwohnern mit einem jährlichen Brutto-National-Einkommen von 686,6 US-Dollar pro Kopf (2015, GTAI) eines der ärmsten Länder der Welt, auch wenn das Wirtschaftswachstum in den letzten zehn Jahren wesentlich über dem regionalen und internationalen Durchschnitt lag. Ein signifikanter Teil der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze (gemäß aktueller Weltbank-Daten vom Januar 2015 lebten im Jahr 2011 30,7 Prozent von weniger als 1,25 USD pro Tag, 2005 waren es noch 39,0 Prozent).

Im Human Development Index 2014 liegt Äthiopien auf Platz 174 von 188 Ländern. Die strukturellen Probleme - Auswirkungen wiederkehrender Dürreperioden auf die Landwirtschaft, rasches Bevölkerungswachstum und daraus resultierende Folgen für Wirtschaftswachstum, fortschreitende Bodenerosion und Ressourcenmangel - bleiben trotz großer Anstrengungen ungelöst.
Das Bruttoinlandsprodukt 2015 ist im Vergleich zu 2014 (49,9 Mrd. US-Dollar) auf 61,6 Mrd. US-Dollar (GTAI) weiter gestiegen. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen ist im gleichen Zeitraum von 570 auf 686,6 US-Dollar gestiegen. Die jährliche Inflationsrate lag 2015 bei 10,1 Prozent. Dies ist eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu der Inflationsrate von 15 Prozent im Jahre 2012. Das Wirtschaftswachstum lag 2015 bei 10,1 Prozent (GTAI) und dürfte sich 2016 deutlich abschwächen.

Im Rahmen des 2015 verabschiedeten Growth and Transformation Plan II (GTP II) verfolgt die äthiopische Regierung einen Wachstumskurs, der auf der Grundlage des Modells des "developmental state" – einer staatsgelenkten Wirtschaft – durch klare Zielvorgaben, Ausbau der verarbeitenden Industrie, Exportorientierung und durch landwirtschaftliche Industrialisierung Äthiopien bis 2025 zu einem "middle-income country" machen soll. Allerdings bleiben die Probleme der äthiopischen Wirtschaft sowohl aufgrund der geographischen Bedingungen als auch finanziell und strukturell bestehen. Wichtigste Investoren und Firmen stammen aus China, Indien, Türkei, und der Europäischen Union (hier vor allem Italien, Holland, Schweden, Deutschland, Frankreich, Großbritannien).
Ein starker Devisenmangel und eine allgemeine Kreditknappheit gefährden zunehmend die wirtschaftlichen Ziele der Regierung. Viele Großprojekte werden aufgrund des hohen Finanzierungsbedarfs absehbar nicht planmäßig fertiggestellt werden.

Das rasche Bevölkerungswachstum trägt zum Verharren in Armut bei, wobei die Zuwachsrate von 2,5 Prozent (2015) etwa dem afrikanischen Durchschnitt entspricht. Nach Nigeria stellt Äthiopien jedoch bereits jetzt mit 99,3 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Bevölkerung des Kontinents, die sich, ein weiteres Wachstum dieser Größenordnung vorausgesetzt, in knapp 30 Jahren verdoppelt haben wird. 2050 wird das Land zu den zehn bevölkerungsreichsten Staaten der Welt gehören.


Struktur der Wirtschaft

Äthiopien hat nach dem Fall des Derg-Regimes 1991 einen langen Weg von der Umstellung einer marxistischen Planwirtschaft auf eine offenere Wirtschaftsform hinter sich. Die meisten Preise sind freigegeben (wichtige Ausnahme: Treibstoffe; es bestehen zudem verbilligte Preise für Zucker und Öl bei staatseigenen Verkaufsstellen) und Privatunternehmen in fast allen Sektoren zugelassen (auch Banken, Versicherungen, Transportunternehmen, allerdings nur in äthiopischem Besitz). Die Regierung übt allerdings durch staatliche Monopolunternehmen (u.a. Luftverkehr, Telekommunikation), parteinahe Unternehmensgruppen und eine kontrollierende Bürokratie unverändert beherrschenden Einfluss auf die Wirtschaft aus. Privater Landbesitz ist gemäß Verfassung nicht zulässig.

Der wichtigste Erwerbszweig bleibt die Landwirtschaft mit 81 Prozent der Erwerbstätigen, die 2014 rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzeugten (GTAI). Von der Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Produktion hängt die Sicherheit der Lebensmittelversorgung ab. Viele Kleinbauern können sich und ihre Familien mit ihrer Ernte nicht ganzjährig ernähren. Jährlich erhalten daher rund 3 Millionen Äthiopier Nahrungsmittelhilfe zur Überbrückung ihrer Engpässe, weitere ca. 8 Millionen werden über das staatliche Productive Saftey Net Programme (PSNP, Landwirtschafts- und Sozialprogramm)  6 Monate im Jahr durch Cash-for-Work oder auch direkte Nahrungsmittelhilfe unterstützt.


Wirtschaftsklima

Durch regelmäßige Überarbeitung des Investment Codes von 1996 - zuletzt durch ein neues Investitionsgesetz im November 2012 - versucht die Regierung, Äthiopien als attraktives Land für Investitionen zu präsentieren. Die Investitionsbehörde (Ethiopian Investment Commission - EIC) soll im Sinne eines "One Stop"-Verfahrens einem ausländischen Investor binnen zwei Tagen alle rechtlichen Schritte zur Etablierung seines Unternehmens - einschließlich Landzuteilung und Arbeitserlaubnis – ermöglichen. Andere Hindernisse, wie Mängel der Infrastruktur, geringe Rechtssicherheit oder schleppendes Verwaltungshandeln bleiben jedoch nach wie vor bestehen.


Äthiopien in der Weltwirtschaft

Außenwirtschaftlich bleibt das Land in Folge hoher Leistungs- und Handelsbilanzdefizite, einer starken Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten und niedriger Devisenreserven anfällig. Dies gilt insbesondere, falls Kapitalflüsse sich durch eine Abkehr von der Niedrigzinspolitik in den USA oder der Eurozone umkehren oder die Unterstützung der Geber für Äthiopien abnehmen sollte. Äthiopien unterhält Handelsbeziehungen zu verschiedenen Teilen der Welt und ist stark auf Importe technologisch hochwertiger Produkte (v.a. Maschinen, Chemikalien, Kraftfahrzeuge) sowie auf den Export von Rohstoffen aus Bergbau und Landwirtschaft angewiesen. Es liegt im Interesse der äthiopischen Regierung, die Wertschöpfung zunehmend im Land zu erzielen, so ist zum Beispiel die Ausfuhr von Rohopalen und unverarbeitetem Leder untersagt.

Die äthiopischen Importe beliefen sich im Jahr 2015 auf 25,8 Mrd. US-Dollar; die Exporte erreichten einen Umfang von nur 5,03 Mrd. US-Dollar. Äthiopien leidet somit unter einem strukturellen Handelsbilanzdefizit, das sich im Jahr 2015 auf 20,8 Milliarden US-Dollar belief.

In den Jahren 2013 und 2014 sind die Exportgewinne Äthiopiens zum ersten Mal in vielen Jahren zurückgegangen. Dies ist insbesondere auf die Entwicklung der Weltmarktpreise für Kaffee, Gold und Ölsaaten zurückzuführen (Exportprodukte Nr. 1 - 3). Im Jahr 2014 wurde Kaffee wertmäßig von Ölsaaten auf den zweiten Platz verdrängt. Es folgten Gold, Textilprodukte und Lebensmittel (vor allem Fleisch). Aufgrund des niedrigen Ölpreises und anziehender Nachfrage und Preise für Gold und Kaffee wird sich die Handelsbilanz 2015 absehbar bessern.

Die Devisenreserven bezogen auf den Wert der Gesamtimporte verharren seit Juli 2012 auf dem besorgniserregend niedrigen Wert von ungefähr 1,8 Monaten. Ein Wert von drei Monatsimporten gilt als Minimum, der Idealwert für Äthiopien läge laut Internationalem Währungsfonds bei 7,1 Monaten.

2014 gelang Äthiopien erstmals der Zugang zu den internationalen Finanzmärkten mit der Ausgabe von eigenen Staatsanleihen in Höhe von 1 Milliarde USD bei 10 Jahren Laufzeit und einem Zinssatz von 6,625 Prozent. Die Anleihe war 2,6-fach überzeichnet.


Aktuelle Wirtschaftsentwicklung und Konjunkturlage

Seit 2003 liegen die jährlichen Wirtschaftswachstumsraten im Schnitt bei hohen 10 Prozent; das Jahr 2015 schließt sich mit 10,1 Prozent diesem Trend an. Die Wirtschaftsentwicklung Äthiopiens steht langfristig jedoch vor großen Herausforderungen, die das bisher Erreichte gefährden könnten. Insbesondere wird sich in den nächsten Jahren erweisen, ob sich die großen Infrastrukturinvestitionen Äthiopiens rechnen werden.

Deutschland liegt bei den Abnehmern äthiopischer Exportprodukte auf Platz 6 hinter Somalia, Kuwait, den Niederlanden, China und Saudi Arabien. Der Wert äthiopischer Exporte fiel 2015 leicht im Vergleich zum Vorjahr  (um 6,4 Prozent auf  173,2 Mio. EUR, Hauptprodukte: Kaffee und Textilien), während der Wert äthiopischer Importe aus Deutschland weiter deutlich zunahm (um 27,7 Prozent auf 305 Mio. EUR, Hauptprodukte: Maschinen und Fahrzeuge). Das deutsch-äthiopische Handelsvolumen wächst damit nach Jahren der Stagnation wieder deutlich und weist nun einen klaren Überschuss zu Gunsten deutscher Exporte von ca. 132 Mio. EUR auf. Gründe für diese Entwicklung sind der Einbruch des Weltmarktpreises für Kaffee im ersten Halbjahr 2014 sowie die gestiegene äthiopische Nachfrage nach deutschen Maschinen (lt. vorläufigen Zahlen des statistischen Bundesamts für 2015).

Äthiopien exportiert seit Juni 2011 Strom nach Dschibuti und seit 2012 in den Sudan. Im Januar 2014 wurde ein Übereinkommen für Stromlieferungen nach Jemen abgeschlossen. Äthiopien plant weiterhin, schon in Kürze durch die Inbetriebnahme von weiteren Wasserkraftwerken zum wichtigsten Stromexporteur in der Region aufzusteigen. Ein struktureller Ausbau der Elektrizitätsinfrastruktur wird nach wie vor notwendig bleiben.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise & Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere