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Ägypten

Wirtschaft

Stand: März 2017

Wirtschaftsstruktur

Ägypten ist das nach Südafrika am stärksten industrialisierte Land Afrikas. Außerhalb der Ballungsgebiete spielt insbesondere die Landwirtschaft eine erhebliche Rolle. Der große informelle Sektor (v.a. Dienstleistungen; Schätzungen gehen von 30% des BIP aus) nimmt zudem einen Großteil der Arbeitskräfte auf. Bei einem Netto-Bevölkerungswachstum von jährlich rund 2 Millionen Menschen ist die Arbeitslosigkeit und insbesondere Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch (offiziell wird die Jugendarbeitslosigkeit mit 28% angegeben, Schätzungen gehen von höheren Zahlen aus). Ägypten hat ein großes Interesse an ausländischen Direktinvestitionen und fördert diese gezielt. Zahlreiche Handelshemmnisse und Bürokratie schrecken potentielle Investoren jedoch ab. Staatliche Unternehmen sowie das ägyptische Militär spielen im Wirtschaftsleben eine starke Rolle. Familienunternehmen von z.T. erheblicher Größe dominieren den Privatsektor. Nach der starken Abwertung infolge der Freigabe der Währung Anfang November 2016 hat sich jedoch die Wettbewerbsfähigkeit Ägyptens verbessert. Das hohe Handelsbilanzdefizit konnte lange Zeit durch Einnahmen aus Transitgebühren für Passagen durch den Suez-Kanal, Rücküberweisungen von im Ausland arbeitenden Ägyptern sowie durch Einnahmen aus dem Tourismus abgefedert werden. Seit 2011 ist der Tourismus indes stark eingebrochen und erholt sich nur langsam. Entscheidend für den Fremdenverkehr wird sein, dass sich die Sicherheitslage Ägyptens weiter stabilisiert. Die Regierung hat wichtige Schritte zum Schutz der Touristenzentren am Nil und Roten Meer wie auch die Flughafensicherheit unternommen. Der Internationale Währungsfonds, andere Internationale Organisationen und wichtige Partnerländer Ägyptens leisten seit November 2016 Zahlungsbilanzhilfe bis 2019. Ägypten hat sich seinerseits zu einem umfangreichen Wirtschafts- und dFinanzreformprogramm verpflichtet.

Daten zur Wirtschaftsstruktur und -lage in englischer Sprache werden u.a. durch das ägyptische Finanzministerium

www.mof.gov.eg/english

, die Zentralbank (Central Bank of Egypt),

www.cbe.org.eg

und die staatliche Statistikbehörde (CPMAS)

www.capmas.gov.eg

publiziert.

Landwirtschaft

Jeder dritte Ägypter ist in der Landwirtschaft beschäftigt. Angebaut werden vor allem Baumwolle, Reis, Zuckerrohr, Weizen, Gemüse und Obst. Die landwirtschaftliche Nutzfläche erstreckt sich vor allem entlang des Nils sowie im Nildelta, macht aber nur rund 4 Prozent der Gesamtfläche des Landes aus. Aufgrund der starken Parzellierung können viele Landwirte lediglich Subsistenzwirtschaft betreiben. Einziges wesentliches Wachstumspotenzial bietet die Optimierung der Bewässerung. Ägypten bedient saisonal insbesondere den europäischen Markt mit Obst und Gemüse, es ist im Gegenzug auf umfangreiche Weizenimporte angewiesen.

Rohstoff- und Energiesektor

Rückläufige Öl- und Gasfördermengen stehen einem jährlichen Nachfragezuwachs von ca. 7% bei Elektrizität und in vergleichbarem Umfang bei Kraftstoffen gegenüber. Derzeit werden Brennstoffe importiert. Gleichzeitig gehen Schätzungen von Ölreserven vor allem in der ägyptischen ausschließlichen Wirtschaftszone im Mittelmeer in Höhe von 4,5 Mrd. Barrel aus. Die Erdgasreserven Ägyptens werden auf ca. 2.200 Milliarden m³ geschätzt. Damit verfügt das Land über 1,2 Prozent der weltweiten Erdgasvorkommen. Der Bau eines zivilen Nuklearkraftwerks wird weiterhin mit Russland verhandelt. Im September 2014 wurde erstmals eine Einspeisevergütung für Wind- und Solarenergie erlassen, die neuen Schwung in den bisher schleppenden Ausbau der Erneuerbaren Energien gebracht hat. Ägypten verfügt darüber hinaus über eine Reihe von wirtschaftlich nutzbaren und z.T. bereits erschlossenen mineralischen Rohstoffen, dazu zählen insbesondere Eisenerz, Phosphat, Gips, Gold, Marmor.

Weitere Informationen:
New & Renewable Energy Authority (NREA) www.nrea.gov.eg/english1.html

Egyptian Natural Gas Holding Company (EGAS)www.egas.com.eg/home.aspx

Produzierendes Gewerbe und Bau

Angesichts einer weiter stark wachsenden Bevölkerung (+2,5% p.a.) besteht erheblicher Bedarf an Infrastrukturmaßnahmen und dem Bau von Wohnungen. Der Bausektor zählt daher zu den wichtigsten Bereichen der ägyptischen Wirtschaft. Von Immobilieninvestitionen versprechen sich viele Ägypter zudem Sicherheit vor der starken Inflation (2016 voraussichtlich mindestens 18%). Vom Bausektor gehen erhebliche Wachstumsimpulse aus. Ähnliches gilt für das produzierende Gewerbe, welches allerdings vorrangig für den lokalen Markt fertigt und weiterhin erheblich in die Qualifikation von Fachkräften investieren muss. Berufliche Ausbildung ist ein Schwerpunkt der deutschen Wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Ägypten.

Dienstleistungsbereich

Der Dienstleistungssektor absorbiert einen erheblichen Teil der Erwerbstätigen und erwirtschaftet große Teile des Bruttoinlandsproduktes. Dabei spielen insbesondere der Groß- und Einzelhandel und in zunehmendem Umfang auch Finanzdienstleistungen eine bedeutende Rolle. Einen maßgeblichen und für die Wohlfahrt des Landes sehr wichtigen Beitrag leistet der Tourismusbereich (siehe unten). Ein erheblicher Teil des Dienstleistungsbereichs arbeitet informell und entgeht daher der statistischen Erfassung.

Tourismus

Als ganzjähriges Reiseziel hat Ägypten seit Jahren einen festen Platz im weltweiten Tourismus, ist jedoch angesichts der schwierigen regionalpolitischen Lage in diesem Bereich anfällig für starke Schwankungen. Aufgrund seiner einmaligen Monumente aus 5000-jähriger Geschichte und seines guten Klimas hat Ägypten einzigartige Voraussetzungen sowohl für Kultur- wie für Badetouristen. Nach dem Absturz eines russischen Charterflugzeuges über dem Sinai im Oktober 2015 und der Egypt Air Maschine aus Paris kommend im Mai 2016 waren die Zahlen ausländischer Touristen jedoch deutlich zurückgegangen. Auch zuvor sah sich das Land aufgrund der politischen Umwälzungen 2011 bis 2013 und der kriegerischen Konflikte in Nachbarländern wie Libyen, Syrien Irak und Sudan bereits mit starken Einbußen im Tourismussektor konfrontiert. Erzielte Ägypten 2010 noch rund 14 Mrd. US-Dollar Einnahmen aus dem Tourismus, so waren es 2016 nur noch ca. 6 Mrd. US-Dollar. Im zweiten Halbjahr 2016 sind jedoch wieder leicht steigende Touristenzahlen zu vermerken.

Suez-Kanal

Der Suez-Kanal, der ca. 8 Prozent des Schifffahrtwelthandels abwickelt, ist gleichzeitig eine der wichtigen Deviseneinnahmequellen des Landes. Die Transitgebühren können der offiziellen Homepage

www.suezcanal.gov.eg

entnommen werden. Im August 2015 wurde  nach einem Jahr Buazeit ein Parallelkanal im mittleren Segment des Suez-Kanals eröffnet. Damit ist ein bidirektionaler Verkehr (bisher mussten Schiffe jeweils auf Reede warten) möglich. Gleichzeitig wird entlang des Kanals eine Industrie- und Logistikzone entwickelt.

Öffentliche Verwaltung und Regierung

Der Staat beschäftigt direkt und indirekt (durch private Unternehmen im Staatsbesitz, Agenturen und nachgeordnete Institutionen) fast 7 Millionen Ägypter (ca. 25% aller Erwerbstätigen) und ist durch die Ausgabe von Subventionen (Energie, Lebensmittel) unmittelbar am Wirtschaftsgeschehen beteiligt. Versuche, die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst einzuschränken, waren bisher erfolglos.

Überweisungen aus dem Ausland

Die Überweisungen der knapp 8 Millionen Auslandsägypter spielen eine wichtige Rolle im Wirtschaftsgefüge des Landes. Der Großteil kommt aus den Golfstaaten. Die von der ägyptischen Zentralbank erfassten Zahlungsströme haben sich seit der Freigabe der ägyptischen Währung im November 2016 wieder stabilisiert.


Wirtschaftslage und -politik der ägyptischen Regierung

Im Rahmen des gerade mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) verhandelten Reformprogramms versucht die Regierung, den notwendigen Strukturwandel in die Wege zu leiten. Das Wirtschaftswachstum wird 2016 wohl ca. 4% erreichen. Dieses Wachstum ist jedoch für ein Land mit einem Bevölkerungswachstum von mehr als 2 Millionen Menschen jährlich und einer Gesamtbevölkerung von 92 Millionen zu gering. Eine sukzessive Abschaffung der  Subventionen für Benzin, Diesel und Elektrizität ist vorgesehen. Eine Anhebung der Einkommenssteuer für hohe Einkommen und eine effizientere Immobiliensteuer werden ebenfalls diskutiert. Auch soll die hohe Zahl an Staatsbediensteten sozial verträglich reduziert werden. Eingeführt wurde im Oktober bereits eine Mehrwertsteuer von 13% (ab 01. Januar 2017: 14%), die die bisherige Verkaufssteuer von 10% ersetzt. Die neue Mehrwertsteuer soll u. a. dazu beitragen, den großen Anteil der informellen Wirtschaft in die offizielle und besteuerte Wirtschaft zu überführen. Wichtige Verbesserungen wurden bereits am Lebensmittelsubventionssystem (elektronische Berechtigungskarten) vorgenommen, weitere sollen innerhalb des IWF-Programms folgen.

Die künftigen politischen Weichenstellungen und die erforderliche Anpassung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden ausschlaggebend für die ökonomische Weiterentwicklung des Landes sein. Es bleibt - wenn auch nur mit begleitender internationaler Unterstützung - die Aussicht auf eine positive wirtschaftliche Perspektive des größten und bedeutendsten Landes in der arabischen Welt. Eine der zentralen Herausforderungen bleibt die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Generierung von auskömmlichen Einkommen. Neben aktuell implementierten, kurzfristigen Konjunkturpaketen ist es dafür aber unerlässlich, ein Wirtschaftssystem zu schaffen, das die erhebliche Ungleichverteilung von Ressourcen und Chancen mildert und gleichzeitig die Voraussetzungen für mehr Innovation schafft.


Wirtschaftsbeziehungen zur Europäischen Union

Die Europäische Union ist der größte Handelspartner und Direktinvestor. Deutschland ist erster Handelspartner Ägyptens innerhalb der EU, es folgen Frankreich und Italien. Ägypten ist seit 1995 Mitglied in der WTO (Welthandelsorganisation). Das 2004 in Kraft getretene EU-Assoziationsabkommen regelt den freien gegenseitigen Handel. Bestehende Handelsbarrieren sollen bis 2019 abgebaut sein. Verhandlungen über ein umfassendes Freihandelsabkommen (Deep and Comprehensive Free Trade Agreement) werden durch die EU angestrebt. Im Agrarsektor sind bereits 87 Prozent der Produkte liberalisiert. Weitere Bemühungen sind im Automobilbereich und beim Abbau der Bürokratie (Importlizenzen, Importrestriktionen) erforderlich. Auf die politischen Umbrüche in der Region hat die EU mit einer stärker an Reformbemühungen anknüpfenden Nachbarschaftspolitik und zusätzlichen Mitteln reagiert. Auch die G7 haben mit der „Deauville-Partnerschaft“ zusätzliche Angebote, insbesondere mit Hilfe der internationalen Finanzinstitutionen, unterbreitet, um den politischen Wandel wirtschaftlich zu begleiten.

Mehr auf der Webseite der EU-Kommission (englisch)


Umweltsituation

Ägypten sieht sich mit erheblichen Umweltproblemen konfrontiert, insbesondere, was die Bereiche Luftverschmutzung in der Mega-Stadt Kairo (ca. 22 Millionen Einwohner) sowie flächendeckend Abfallentsorgung und Zugang zu (sauberem) Wasser betrifft. Das Land verursacht ca. 1% der weltweiten CO2 -Emissionen; per capita 2,4t (2015). Gleichzeitig wird Ägypten besonders stark von den Folgen eines ungebremsten Klimawandels betroffen sein. Dies gilt insbesondere für die Landwirtschaft; das hierfür zentrale Nildelta liegt teilweise auf Höhe des derzeitigen Meeresspiegels. Da Ägypten sein Wasser zu 95% aus dem Nilwasser bezieht, sind der Klimawandel und die damit verbundene drohende Wasserknappheit auch ein regionales Problem.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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