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Weltkriegsgedenken im kongolesischen Dschungel

Ein Weltkriegsdenkmal mitten im kongolesischen Dschungel? Unser Botschafter in Brazzaville, Thomas Strieder, berichtet von einer abenteuerlichen Entdeckung mitten im Regenwald und von einer deutsch-französischen Gedenkfeier auf kongolesischem Boden: Genau 100 Jahre zuvor hatte hier eine der ersten Schlachten des Ersten Weltkriegs im damaligen Kolonialgebiet stattgefunden.

Ganz im Norden der Republik Kongo-Brazzaville, inmitten eines völlig unberührten tropischen Regenwaldgebiets, am Ufer des Flusses Sangha liegt das Drei-Hütten-Dorf Mbirou. Es ist von einigen sesshaft gewordenen Pygmäen des B'Aka-Stamms bewohnt, die hier ein wenig Fischfang im Fluss betreiben.

Und genau hier befindet sich ein Kriegsdenkmal. Es erinnert an ein Aufeinandertreffen deutscher und französischer Kolonialtruppen zu Beginn des Ersten Weltkriegs vor genau 100 Jahren.

Europäische Handelsposten in "Neu-Kamerun"

Auch nach 14-stündiger Anreise noch in Anzug und Krawatte: Botschafter Strieder vor dem verfallenen Denkmal

Auch nach 14-stündiger Anreise noch in Anzug und Krawatte: Botschafter Strieder vor dem verfallenen Denkmal
© AA

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Auch nach 14-stündiger Anreise noch in Anzug und Krawatte: Botschafter Strieder vor dem verfallenen Denkmal

Auch nach 14-stündiger Anreise noch in Anzug und Krawatte: Botschafter Strieder vor dem verfallenen Denkmal

Auch nach 14-stündiger Anreise noch in Anzug und Krawatte: Botschafter Strieder vor dem verfallenen Denkmal

Mbirou war damals ein deutscher Zoll- und Handelsposten im neu gewonnenen deutschen Kolonialgebiet "Neu-Kamerun". Schräg gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses Sangha, lag Französisch-Äquatorial-Afrika. Etwa ein Dutzend Europäer lebten in der Provinzstadt Ouesso, wie es in zeitgenössischen Dokumenten heißt. Und in den weit verstreuten Handelsposten, am rechten und linken Flussufer, schoben ein paar Kolonialbeamte und Militärpersonen Dienst. 

Die neue Kolonie hatte nur wenige Jahre Bestand. Am 22. August 1914 eroberten französische Freiwillige den kaiserlichen Ein-Mann-Posten Mbirou. Sie hatten gerade erst vom Ausbruch des Weltkriegs erfahren. Nachrichten aus Europa drangen nur sehr langsam in den zentralafrikanischen Regenwald. 

Der Weltkrieg erreicht das Kolonialgebiet

Der Posten wurde niedergebrannt und geplündert. Dann kam zufällig ein Flussdampfer mit einem kleinen, aber gut ausgerüsteten Kontingent deutscher Kolonialtruppen flussaufwärts, die sich vor den Franzosen in den Norden nach Alt-Kamerun durchschlagen wollte. Es folgte der Gegenschlag der Deutschen. 

In der "Schlacht von Mbirou" wurden 20 Franzosen sowie sieben "einheimische Hilfssoldaten" von den deutschen Soldaten getötet. Zu deutschen Opfern sind keine Dokumente aufzufinden. Der einsame deutsche Zollinspektor soll vor dem französischen Erstangriff in den Dschungel geflohen sein. Von ihm wurde nie wieder etwas gehört. So endete eine der ersten Schlachten des Ersten Weltkriegs im damaligen Kolonialgebiet.

Ein vergessenes Mahnmal im Regenwald

Um 1920 errichteten die Franzosen in Mbirou ein mächtiges Ziegelbauwerk als Mahnmal für die eigenen Gefallenen. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte geriet dieses Mahnmal aber in Vergessenheit, verfiel und wurde vom Regenwald verschluckt.

Ich hörte im Jahr 2013, dass es irgendwo im Norden, tief im Regenwald und nur über den Fluss zu erreichen, ein zerfallenes Kriegsdenkmal geben soll, zum Gedenken an eine Schlacht zwischen Franzosen und Deutschen. Nach 14 Stunden Fahrt mit dem Allrad-Dienstwagen auf größtenteils unbefestigter Straße und einer Fahrt über den Fluss mit der Einbaum-Pirogge erwiesen sich die Gerüchte als wahr: Das Mahnmal existierte, aber es war größtenteils durch eingedrungene Baumwurzeln und das immerfeuchte Klima zerstört.

Gemeinsame deutsch-französische Gedenkfeier

Als ich dem französischen Botschafter nach meiner Rückkehr aus dem Dschungel von dem verfallenen Denkmal berichtete, waren wir uns sofort einig: Mbirou ist der geeignete Ort für eine deutsch-französische Gedenkfeier zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs. Die kongolesische Regierung war nicht nur einverstanden mit einer solchen Zeremonie auf ihrem Staatsgebiet, sie trat auch als drittes Land dem Projekt bei. So wurde in einer aufwändigen logistischen Operation das Mahnmal im Dschungel von Grund auf renoviert.

Deutsche Bronzetafel zum Gedenken an die Gefallenen

Deutsche Bronzetafel zum Gedenken an die Gefallenen
© AA

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Deutsche Bronzetafel zum Gedenken an die Gefallenen

Deutsche Bronzetafel zum Gedenken an die Gefallenen

Deutsche Bronzetafel zum Gedenken an die Gefallenen

Am 22. August 2014 legte der kongolesische Verteidigungsminister zusammen mit dem französischen Botschafter und mir in einer gemeinsamen Gedenkfeier Kränze nieder und gedachten exemplarisch aller Opfer des "Großen Kriegs", der hier im Kongo für die Europäer 6000km fern der Heimat stattfand. Die Original-Bronzetafel, die bei den Restaurierungsarbeiten wiedergefunden wurde, benennt die Gefallenen der französischen Seite. An alle unbekannt gebliebenen Opfer erinnert eine neue Bronzetafel in deutscher Sprache.

Mbirou ist schon jetzt ein fester Punkt für manche der Expeditionstouristen geworden, die das angrenzende kongolesische UNESCO-Naturerbe-Schutzgebiet Nouabalé-Ndoki besuchen, und bei denen sich die Geschichte der "Bataille de Mbirou" schnell herumgesprochen hat.

Weitere Beiträge unserer Reihe "Auf diplomatischer Mission"


Stand 17.10.2014

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