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Der ganz normale Ausnahmezustand

Was macht man bei plötzlichen politischen Umbrüchen? Wie bewältigt man eine Ausgangssperre? Und was antwortet man auf die oft an uns gestellte Frage: "Und was sagt die Botschaft dazu?" Unsere Kollegen Janina Markewitsch und Ramesh de Silva, Presse- und Kulturreferenten an der Botschaft Kairo, berichten über ihren “Alltag“, der fast jeden Tag neue Ausgangsbedingungen bietet.

Die Schulen hatten schon geschlossen, die Kairoer fuhren ans Meer, die Stadt bereitete sich auf die Sommerhitze und den Ramadan vor. Die Planungen an der Botschaft für den Rest des Jahres waren festgezurrt, die Finanzierung stand: Schulbeginn am 1. September und Wiederaufnahme der Arbeit aller deutschen Institutionen im Land nach der Sommerpause, Nationalfeiertag am 3. Oktober mit einer vorgeschalteten „Kairo-Berlin-Woche“: Jede Menge Veranstaltungen lagen für den Herbstbeginn schon Ende Juni in der Schublade.

Doch es kam wieder einmal anders als gedacht -  wie so oft in Ägypten seit Anfang 2011. Nach massiven Protesten wurde Staatspräsident Mursi am 3. Juli abgesetzt. Aus dem besinnlichen Ramadan wurden von Protesten, Zusammenstößen und Gewalt geprägte Wochen. Jeden Tag überschlugen sich die Ereignisse, es gab viele Tote und Verletzte und überall wurde hitzig diskutiert. Seit den schlimmsten Zusammenstößen Mitte August herrscht eine nächtliche Ausgangssperre, die neue Regierung hat für die Großstädte den Ausnahmezustand ausgerufen.

Als Bewohner der Stadt lernt man schnell Massenansammlungen zu erkennen und zu umfahren, mit einem Ohr am Radio oder einem Blick ins Internet zu arbeiten, um eventuell früher das Büro zu verlassen oder die eigene Wohnung für alle Fälle mit genügend Trinkwasser und Lebensmitteln auszustatten.

Nachts: Eine verwandelte Stadt

Die Verhängung der Ausgangssperre verwandelt Kairo. Wo sich sonst Menschenmassen noch spät nachts in den Straßen drängen, herrscht nun gähnende Leere. Feiern werden in den frühen Abend gelegt, Veranstaltungen abgesagt oder verschoben. Die Internetverbindungen sind abends überlastet, und DVD-Sammlungen und Kochbücher werden hoch gehandelte Güter in der ausländischen Community.

Am nächsten Morgen kann man wieder in den Zeitungen lesen, wo es zu Zusammenstößen gekommen ist und wo wieder Menschen sterben mussten. Widersprüchliche Opferzahlen kursieren, wirre Verschwörungstheorien werden verbreitet und das Land ist zutiefst gespalten in die Unterstützer der Übergangsregierung und in die Anhänger von Ex-Präsident Mursi.

Auch die Arbeit verändert sich

Empfang der Deutschen Botschaft in Kairo zum 3. Oktober

Empfang der Deutschen Botschaft in Kairo zum 3. Oktober
© AA

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Empfang der Deutschen Botschaft in Kairo zum 3. Oktober

Empfang der Deutschen Botschaft in Kairo zum 3. Oktober

Empfang der Deutschen Botschaft in Kairo zum 3. Oktober

Auch für uns Botschaftsmitarbeiter hat der Umbruch viele Veränderungen mit sich gebracht: Ansprechpartner in den Ministerien werden ausgetauscht, der Schulanfang und die Wiedereinreise für viele Experten werden verschoben. Daneben werden die Planungen der Situation angepasst: Die Veranstaltungen der „Kairo-Berlin-Woche“ werden größtenteils zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden, Projektreisen werden auf das nächste Jahr verschoben, beim Nationalfeiertagsempfang müssen die Gäste wegen der Ausgangssperre früher als sonst nach Hause gehen.

Gespannt beobachten wir den „Fahrplan“ der neuen Übergangsregierung. Wird es bald eine neue Verfassung, Wahlen zum Parlament und einen neuen gewählten Präsidenten geben? Werden Menschenrechtsverletzungen geahndet, Versöhnungsinitiativen gestartet oder die Polarisierung weiter vorangetrieben? Kommen von der Presse auch wieder regierungskritische Töne, wie man es während der Regierungszeit Mursis gewohnt war, oder sammeln sich alle hinter der neuen Führung und Verteidigungsminister Al-Sisi?

Unvorhergesehenes und Alltag

Jeder Tag ist für eine neue Überraschung gut. Nicht nur die Sicherheitslage muss jeden Tag neu evaluiert werden. Besonders die Lage an den Freitagen, an denen die Anhänger des gestürzten Präsidenten weiter demonstrieren, ist in Kairo jede Woche schwer vorauszusagen.

Gleichzeitig geht der Alltag weiter. Menschen fahren mit der U-Bahn zur Arbeit, kaufen auf den Märkten ein oder treffen Freunde und Familie auf eine Shisha an der Straßenecke. Auch unser Alltag geht weiter. Unsere Arbeit ist durch die Ereignisse nicht weniger geworden: Manche Projekte sind ausgesetzt, dafür werden manche lang erwartetete Genehmigungen auf einmal erteilt. Wir berichten jeden Tag nach Berlin ins Auswärtige Amt über die neuesten Entwicklungen und beruhigen Familie und Freunde in Deutschland, dass wir nicht in einer Stadt im Bürgerkrieg leben, wie es manchmal an deutschen Fernsehbildschirmen den Eindruck erwecken mag.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Lage in Kairo wieder stabilisiert und ein demokratischer Neuanfang gelingt. Dass es mit der Wirtschaft aufwärts geht und es mehr soziale Gerechtigkeit gibt. Nicht zuletzt dafür waren die Menschen im Januar 2011 schließlich auf die Straße gegangen. Vor allem hoffen wir, dass sich Menschen finden, die anfangen, die Gräben zwischen den verfeindeten Lagern im Land zuzuschütten. Wir werden die Entwicklung in den kommenden Monaten weiter mit Spannung begleiten und hoffentlich auch mit Austausch, Projekten und Veranstaltungen einen kleinen Beitrag hierzu leisten können.

Weitere Beiträge aus unserer Reihe "Auf diplomatischer Mission"


Stand 23.10.2013

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