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Explosive Altlasten

Paris, London, New York - viele denken in erster Linie an solche Weltstädte, wenn es um den Auswärtigen Dienst geht. Doch für Diplomaten ist es recht wahrscheinlich, dass sie in ihrer Laufbahn auch mal an Orten eingesetzt werden, die auf den ersten Blick nicht unbedingt attraktiv erscheinen. An manchen Posten kann es dabei durchaus auch gefährlich werden. Oder es ist nach Umbrüchen unklar, wie sich die Lage weiterentwickelt. Unser Kollege Benjamin Hanna ist seit knapp einem Jahr in Tripolis auf Posten. Er berichtet von seiner Arbeit in einem Land, das sich den Altlasten des Gaddafi-Regimes in verschiedenen Bereichen stellt und sich dieser - auch mit deutscher Hilfe - zu entledigen versucht. 

"3, 2, 1..." - Ein gigantischer Feuerball steigt in einem Kilometer Entfernung auf. Nach zwei Sekunden schlägt uns die Druckwelle ins Gesicht, unser Begleiter schreit "Runter!", wir hocken uns auf den Boden unseres Schutzhäuschens und warten, bis die Luft rein ist. Was wie eine Szene aus einem Hollywood-Film anmutet, ist in Wirklichkeit Teil des deutschen Bemühens, Libyen dabei zu unterstützen, die nach wie vor weit verstreuten Waffen- und Munitionsbestände des ehemaligen Machthabers Muammar al-Gaddafi zu beseitigen.

Als Referent der Deutschen Botschaft bin ich unter anderem für Sicherheitspolitik zuständig. Neben der Berichterstattung über zentrale Sicherheitsfragen in Libyen gehört dazu auch die Betreuung der Unterstützungsprogramme Deutschlands für den libyschen Sicherheitssektor. Das bedeutet auch, dass ich mir regelmäßig ein eigenes Bild vom Fortschritt und dem weiteren Unterstützungsbedarf der entsprechenden Projekte mache.

Zahlreiche Minen und Blindgänger im Land verstreut

Für die Sprengung vorbereitete Granaten

Für die Sprengung vorbereitete Granaten
© AA / M. Tödt

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Für die Sprengung vorbereitete Granaten

Für die Sprengung vorbereitete Granaten

Für die Sprengung vorbereitete Granaten

Konkret beauftragt Deutschland unter anderem mehrere Nichtregierungsorganisationen damit, die libyschen Partner bei der Minen- und Kampfmittelbeseitigung anzuleiten und auszubilden. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 2011 ist Libyen noch immer von unzähligen Minen und Blindgängern übersät, die eine große Gefahr für Zivilisten und die regionale Sicherheit darstellen. Alleine auf einem Flughafengelände in Tripolis wurden im Auftrag des Auswärtigen Amts knapp 10.000 Anti-Personenminen beseitigt, die das Gaddafi-Regime zur Abwehr der revolutionären Kämpfer gelegt hatte. 

Nach dem Beginn der NATO-Operation hatten Gaddafis Soldaten zudem Waffendepots geräumt und die Waffen in nicht-militärischen Gebieten versteckt. Diese Gelände sind in vielen Fällen gar nicht oder sehr dürftig bewacht, so dass die tödlichen Waffen leicht in falsche Hände geraten könnten. Genauso ernst ist die unmittelbare Gefahr für Zivilisten: Ein Kiefernwäldchen am Stadtrand von Tripolis wird zum Beispiel am Wochenende gerne von libyschen Familien zum Picknick aufgesucht - obwohl hier noch Munitionsreste, Granaten und Bomben liegen. Das AA hat eine deutsche Nichtregierungsorganisation beauftragt, diese schrittweise auszugraben, zu entschärfen und für die Zerstörung vorzubereiten.

Jeder Fehler kann tödlich sein

Zurück auf dem Sprengplatz, einem malerisch am Meer gelegenen, mehrere Hektar großen Areal, das Gaddafis Truppen als Schießplatz genutzt hatten: Während die Sprengmeister die nächste Sprengung vorbereiten, berichten mir die libyschen Minenräumer von den Schwierigkeiten ihres Jobs. Zentimeterweise müssten sie den Boden absuchen, jeder Fehler könne tödlich sein. Einer von ihnen erzählt, dass mehrere seiner Verwandten und Freunde während der Revolution ums Leben gekommen seien. Er selber wolle mit seiner Arbeit seinen Beitrag zu einem freien und sicheren Libyen für die kommenden Generationen leisten.

Libyen hat noch einen langen Weg vor sich, bis die militärischen Altlasten Gaddafis keine Gefahr mehr darstellen. Eines ist aber sicher: Zumindest die knapp 1000 Munitionsteile, Raketen und Granaten unterschiedlichen Kalibers, die alleine an diesem Sprengtag mit deutscher Hilfe vernichtet wurden, und eine Netto-Explosivstoffmasse von 340 Kilogramm hatten, werden keinem Menschen mehr schaden können.

Weitere Beiträge aus unserer Reihe "Auf diplomatischer Mission"


Stand 23.05.2013

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