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Zwischen Politik und Religion

Im deutschen Vertretungsbüro in Ramallah bestimmen nicht nur hochpolitische Fragen die tägliche Arbeit, sondern auch religiöse. Kein Wunder, liegen doch im unmittelbaren Umfeld die heiligen Stätten von Christentum, Judentum und Islam auf engstem Raum beieinander. Politik und Zusammenleben im Amtsbezirk sind von interreligösen Fragen durchwoben. Welche Herausforderungen und Chancen sich dadurch ergeben, berichtet Claudia Busch, die seit gut sieben Monaten Kulturreferentin im deutschen Vertretungsbüro ist.

"Guten Morgen, ich bin die neue Kulturreferentin." - "Katholisch oder evangelisch?" schallt es mir entgegen. "Evangelisch", antworte ich leicht irritiert, hatte ich mich doch auf einen Posten am Vertretungsbüro Ramallah beworben und nicht auf eine Verwendung im Vatikan. "Oh, evangelisch ist gut, das schafft ein ausgewogenes Verhältnis im Team." Eigentlich im Scherz gemeint, zieht sich die Frage nach der Konfessionszugehörigkeit seitdem wie ein roter Faden durch meinen Berufsalltag, der hier nur selten alltäglich verläuft.

Ein außergewöhnlicher Amtsbezirk

Der Felsendom

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© AA / C. Busch

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Der Felsendom

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Das Vertretungsbüro Ramallah hat einen außergewöhnlichen Amtsbezirk: Die palästinensischen Gebiete, also das Westjordanland und den Gazastreifen, sowie Ost-Jerusalem jenseits der Demarkationslinie aus der Zeit vor dem Sechstagekrieg 1967 – ein facettenreicher Posten, auch für die Kulturarbeit.

Ost-Jerusalem bietet mit den heiligen Stätten für Christen, Juden und Muslime, aber auch mit dem historischen deutschen Erbe der evangelischen Erlöserkirche, dem katholischen Paulushaus und der Deutschen Schmidt Schule in der Altstadt sowie dem evangelischen Pilgerkomplex der Auguste Victoria Stiftung auf dem Ölberg ein einzigartiges Kulturpotential.

Das diplomatische Parkett ist glatt in diesem Amtsbezirk, wo Kultur und Religion immer auch hochpolitisch sind. Hier wird interkulturelle Kompetenz zur interreligiösen Herausforderung. Das beginnt bereits bei der Organisation einer Altstadtführung für offizielle Delegationen, bei der alle drei Weltreligionen zeitlich ausgewogen berücksichtigt sein und durch einen vorzugsweise neutralen Reiseleiter präsentiert werden wollen.

Vielseitige Kontaktpflege

Zu vielen Kultureinrichtungen, den Imamen, Patriarchen und Rabbinern, religiösen und Ritterorden sollen Kontakte gepflegt, die Interessen der deutschen Institutionen vertreten, palästinensisch-deutsche Projekte durchgeführt, Kulturerbe erhalten und die deutsche Sprache gefördert werden.

Das alles funktioniert nur mit einem guten Team. Dabei kann das kleine Kulturreferat mit seinen drei Mitarbeitern auf die Unterstützung aller 22 aus Deutschland entsandten und 14 lokalen Kräfte des Vertretungsbüros Ramallah bauen.

"Evangelisch, katholisch, orthodox?" - hier ganz normaler Smalltalk. Nur der muslimische Schlüsselbewahrer der Grabeskirche fragt mich das nie. Während in einem der größten Heiligtümer der Christenheit sechs Konfessionen um ihre Einflussbereiche ringen, nimmt er mich an die Hand und sagt: "Komm, wir zünden ein paar Kerzen an, für all unsere Freunde hier. Alles wird gut, insh'allah!"

Weitere Beiträge aus unserer Reihe "Auf diplomatischer Mission"


Stand 26.03.2013

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